• Mai 2019

LIEBE WAFFENINDUSTRIE

Du bist umtriebig und erfindungsreich; so waren die anstehenden Entscheidungen mannigfaltig und komplex, als wir vor dem Regal mit den Schusswaffen standen und die Auswahl besahen. Für das Modell «AR-L» sprachen das aufklappbare Visier, die motorisierte Serienfeuerabgabe sowie das Wechselmagazin für zehn Hohlmantelgeschosse. Aber auch die anderen Modelle hatten ihre Reize: «Mediator» ist natürlich schon einmal ein ziemlich überzeugender Name für eine Knarre, insbesondere für einen «Pump-Action-Blaster», der in schnellster Folge sechs Schuss abfeuern kann. Das Modell «Infinus» besitzt ein 30-Schuss-Trommelmagazin, ist jedoch etwas unhandlich, gerade im Häuserkampf. Doch lieber eine kleine taktische Waffe, etwa die stupsnasige «Jolt»? Die lässt sich auch einfach beim Fussknöchel unten in der Socke verstecken, als Back-up. Das Gewehr «AlphaHawk» hingegen bietet eine «ausklappbare Rotationstrommel», einen «Lade-Bolzen» sowie einen «strukturierten Griff» – es ist «konzipiert für Präzision».

Und während wir in Bellinzona im Laden standen, googelte ich, was der Name der einen Knarre bedeutet, die besonders brachial daherkam: «Rampage». Google sagte mir: «Amoklauf». Eine leise Traurigkeit überfiel mich, und ich verfluchte innerlich deinen Zynismus. Denn natürlich standen wir nicht in einem Waffenladen, sondern in der Spielzeugabteilung eines Warenhauses. Natürlich waren es keine echten Waffen, die im Regal auf Kundschaft warteten, sondern Spielzeugballerdinger des US-amerikanischen Herstellers Nerf, der zur Hasbro-Gruppe gehört (die das «Monopoly» anbietet oder die zuckersüssen «My Little Pony»-Figuren).

Und, ja, ich erinnere mich gut an meine eigene Kindheit, die geprägt war von einer Faszination für Schusswaffen und Geballer, von Modellfigurensoldaten im Massstab 1:72 und epischen Schlachten im Wald mit Spielzeugpistolen, Tannzapfenhandgranaten-Hagel, Hinterhalten, Geiselnahmen.

Wurde deshalb aus mir ein Waffenfreak? Nein. Im Gegenteil. Ich verweigerte im Militär die Pistole, die mir der Vorgesetzte am ersten Tag der Rekrutenschule feierlich überreichen wollte – unter anderem auch deshalb, weil ein Bekannter nur Tage zuvor mit der frisch gefassten Armeewaffe im Wochenendurlaub in ein Maisfeld ging und nicht wieder daraus zurückkehrte. Seit meiner Kindheit hatte ich freiwillig keine echte Waffe mehr in der Hand. Wozu auch? Bin ich Jäger? Bin ich Polizist? Bin ich Sportschütze?

Mit einem Gewehr, einer Pistole und einer 50er-Packung Munition verliessen wir den Laden. Die Kinder mussten ihr Taschengeld einsetzen, denn meine Devise ist: Ich finanziere keine Kriege, auch nicht die der Knöpfe. Was sie aber mit ihrem Geld anstellen, ob sie es in Schleckwaren anlegen, für japanische Fabelwesen ausgeben oder anderweitig verbrennen, das ist ihr Ding. Mit dem Sack voller Knarren fuhren wir zurück ins Ferienhaus, und ich wusste, was ich weiss: Ein Kind ist ein Kind. Es wächst und lernt. Und dann wird es irgendwann achtzehn und mündig, darf fortan all die Dinge tun, die ein Volljähriger tun darf: Steuern zahlen etwa oder Auto fahren oder abstimmen und wählen.

Die Kids jagten sich mit bunten Knarren durch das Dorf. Sie suchten Deckung. Sie eröffneten das Feuer. Ich ging derweilen den Stoss der angesammelte Post der letzten Tage durch, den ich mit in die Ferien genommen hatte. Eines der Kinder kam ins Haus zurück, auf der Suche nach Magenmunition polterte es durch die Küche. Als es auf dem Rückzug mich erblickte, fragte es scheinheilig interessiert, was ich gerade so tue. «Ich? Ich studiere die Unterlagen zu einer anstehenden Abstimmung, die vom 19. Mai, es geht um die Umsetzung einer Änderung der EU-Waffenrichtlinien.» – «Es geht um was?» – «Das Waffenrecht.» Das Kind dachte nach und lächelte, dann sagte es: «Ein neues Waffelnrecht wäre viel gescheiter!» Dann stob es davon, in der einen Hand ein Schiesseisen aus Plastik, in der anderen eine Packung eben aus der Küche erbeuteter Milano-Schoko-Waffeln. Und der Kampf ging weiter.

Mit friedliebendem Gruss Max

PS Song zum Thema: «Le pistole non discutono» von Ennio Morricone, Titelmelodie des gleichnamigen Films (dt. «Die letzten Zwei vom Rio Bravo»), 1964.