• März 2019

LIEBE MUTTER

Ich muss gestehen, es fühlt sich seltsam an, dir einen Brief zu schreiben. Wenn ich mich recht erinnere, dann hab ich in meinem ganzen Leben noch nie einen Brief an dich geschrieben. Es gab keinen Grund zu schreiben; wir haben einfach miteinander gesprochen. Und als ich von zu Hause weg in die Stadt gezogen bin, lange ist es her, da haben wir dann telefoniert, wenn es etwas zu berichten gab. Oft gab es über längere Zeit nichts zu berichten, aber wenn ich dann deine Stimme hörte, hörte ich immer Freude darin.

Und nun schreibe ich dir, denn am Telefon zu sagen, was ich sagen möchte, das wäre sonderbar: Ich möchte mich bei dir bedanken. Wofür? Für das Leben, das du mir geschenkt hast. Heute vor fünfzig Jahren, exakt auf den Tag, hast du mich auf die Welt gebracht im Kantonsspital Rheinfelden. Es war glaubs um die Mittagszeit herum, so genau weiss ich das gar nicht, aber so genau muss man seine Geburtszeit auch nicht kennen. Um die Mittagszeit muss es gewesen sein, weil Vater immer erzählt hat, er habe meine Geburt verpasst, da er während der Warterei Hunger bekam und ins Spitalrestaurant ging – es sei fein gewesen, Geschnetzeltes mit Rösti, zum Dessert ein Tamtam. Und du hast mich derweil auf die Welt gebracht.

Befremdlich, sich sich selber vorzustellen als schreienden, strampelnden Wurm, der man war. Kam ich eigentlich mit Bart und Brille auf die Welt?

Als du so alt warst, wie ich heute bin, war ich so alt, wie mein Jüngerer jetzt ist, sieben, acht, neun. Ich denke, da beginnen auch die Erinnerungen an meine Kindheit, den Hof, die Tiere, das Dorf, die Arbeit auf den Feldern, das Holzen im Wald, die warme Dunkelheit des Heustocks mit seiner staubigen Luft. Ich war viel bei dir in der Küche, wo Poulets im Ofen knusprig brutzelten, wo Linzer Torten gebacken wurden. Noch magischer war nur die Speisekammer mit den mit Wachstuch ausgeschlagenen Regalen, alle randvoll. Du gabst mir Essen. Du gabst mir Liebe. Immer warst du gut zu mir. Gütig. Nachsichtig. Ich hoffe sehr, ich konnte von deiner Grosszügigkeit und Fürsorglichkeit eine Tranche mir einverleiben und werde dieses Erbe weitergeben können. Natürlich hab ich dir auch Kummer bereitet, wie das Kinder so tun. Du hast dir dann und wann Sorgen gemacht. Sorry dafür. Erst jetzt als Vater sehe ich, was es heisst, Kinder grosszuziehen. Was es kostet an Kraft, an Zeit, Kummer auch.

Nun ist dein Bub ein fünfzigjähriger Mann. Manchmal erschrecke ich, wenn ich mich sehe, als Spiegelung in einem Schaufenster in der Stadt, wenn ich mir selber über den Weg laufe, zufällig, ich denke dann: Was ist das denn für ein Penner? Weil man ja tatsächlich älter ausschaut als damals, als man jünger war. Ich vergesse es immer wieder, weil: Ich fühl mich nicht so alt, wie ich bin, obwohl ich ja nicht weiss, wie es sich anfühlen sollte, fünfzig zu sein.

Du fragst dich sicher, was ich heute an meinem Fünfzigsten mache. Eigentlich wollte ich ein grosses Fest auf die Beine stellen. So wie die Inder in St. Moritz. Die haben achthundertfünfzig Gäste eingeladen. Aber dann dachte ich: Wenn ich achthundertfünfzig Gäste einlade und mit jedem anstosse, dann bin ich schwuppdiwupp hinüber. Schon nur jedem die Hand zu geben, stelle ich mir sehr mühsam vor. Ein solches Fest muss der Horror sein. Ich werde heute tun, was ich will: auf dem Sofa hocken und auf Eurosport das Rennvelorennen «Strade Bianche» schauen, ein Bier in der Hand, hoffend, Stefan Küng möge gewinnen oder Marc Hirschi. Das ist das, was ich mir wünsche. Ich denke, ich werde zufrieden sein.

Seltsam, dir einen Brief zu schreiben. Die richtigen Worte zu wählen. Nicht zu ernste. Nicht zu flapsige. Scheint mir unmöglich, dies. Weisst du was? Ich lass es mit dem Brief und mach was anderes: Ich nehm die Jacke vom Haken, geh aus dem Haus, steig ins Auto und fahr Richtung Nordwesten und über die Hübel nach Ormalingen. Ich komm dich besuchen. Dann erzähl ich dir alles bei einem Café crème. Ich freu mich, dein liebes Gesicht zu sehen.

Dein Sohn Max