LIEBE MIGROLINO
Bei meinem Büro an der Ecke, dort steht eine deiner Filialen: Tankstelle mit zwei Zapfsäulen plus Shop. An fast jedem Arbeitstag schau ich bei dir vorbei, um etwas Kleines zu kaufen, Mineralwasser oder einen mit Konfitüre gefüllten Gipfel oder eines der hart gekochten Eier, die in einem Körbchen an der Kasse bunt lackiert locken. Manchmal ist ein hartes Ei ein super Snack. Nicht immer, manchmal aber eben schon. Sowieso: Eier! Ich bin ein grosser Eierfan, müsste ich wählen zwischen beispielsweise einem in Butter gebratenen Spiegelei und dem neuen iPhone, meine Wahl wäre klar. Aber dazu ein andermal.
Nicht schlecht staunte ich, als eines Tages neben der kompakten Tiefkühltruhe mit den Stängelglaces ein Kartonständer aufgestellt war, vom dem ein altbekanntes Gesicht blickte, ein sprichwörtlicher Pappkamerad, überlebensgross. Er schaute mit seiner ihm eigenen Mischung aus neureicher Popper-Hochnäsigkeit und einer Perfect-Schwiegersohn-rosige-Backen-Humpty-Dumpty-Babypuder-Unschuldigkeit: DJ Antoine, gehüllt in eine wie dein Schriftzug orangefarbene Lederjacke. Im Ständer wurden exklusive Produkte einer exklusiven Zusammenarbeit zwischen DJ Antoine und Migrolino angeboten: CDs und Baseballkappen. Ich dachte stirnrunzelnd: Migrolino und DJ Antoine? Ist das nicht ein bisschen so, als mische man Pesca Frizz mit Louis Roederer Cristal?
DJ Antoine ist Musiker. Deshalb kann ich ihm nicht ausweichen, weil Musik etwas sehr Wichtiges ist in meinem Leben, immer war, hoffentlich immer sein wird. Deswegen nehme ich alles persönlich, was mit Musik zu tun hat. Ich kann nicht anders – auch wenn ich manchmal wünschte, es wäre mir, einem Flusspferd beim Tauchgang in trüben Gewässern gleich, möglich, die Ohren zu verschliessen.
Nur wenige Tage später verkündete ein Schild: «Aktion». Die Preise wurden reduziert, sowohl für die CDs wie auch für die Käppis, und zwar um satte fünfzig Prozent. Ich spürte Mitleid mit dem grossen Musiker (Schuhgrösse 46) und seinem Ständer, diesem Migrolino-Mahnmal des kommerziellen Scheiterns. Und bevor ich mich versah, trug ich in der einen Hand ein hart gekochtes Ei, in der anderen ein aus Anteilnahme erstandenes weiches DJ-Antoine-Käppi (14.90 statt 29.90) mit einem knalligen, fetzigen, spritzigen «Welcome to St.-Tropez»-Schriftzug. An der Kasse hatte ich noch gefragt, in fürsorglichem Ton, ob denn die DJ-Antoine-Produkte nicht so gut liefen. Die Kassiererin sagte, ich sei überhaupt der Erste, der etwas davon wolle. Da lief ich gänzlich voll mit Mitleid, voll wie der Tank eines Autos an der Zapfsäule mit Diesel.
Auf dem Weg zurück hatte ich nicht den Mut, das Käppi zu tragen. Im Büro aber setzte ich es auf. Ich dachte, mit einem DJ-Antoine-Hut schreibe es sich sicher besser! Knalliger. Fetziger. Spritziger. Der Hut jedoch scheint für kleine Köpfe gefertigt worden zu sein; trotz verstellbaren Riemens spannte er auf meinem Schädel wie ein Folterinstrument.
Nun, da der Sommer ging und der Herbst kam, ist DJ Antoines Ständer verschwunden. Aber im Basler Restaurant Klingeli gab es eine Party zu Ehren dieser historischen Kooperation. Im Klingeli war ich früher oft, denn es war der ideale Ort, wenn man morgens um drei Uhr noch Hunger hatte, eine Portion «Fantirüsseli» * essen oder noch acht Bier trinken wollte. Im Klingeli verkehrten alle, die nicht nach Hause wollten oder konnten. Heute aber ist das Klingeli keine Knille mehr, sondern chic umgebaut. Und proaktiv höflich. Deshalb wurde auch ein Brief an die Nachbarschaft versandt, in dem um Verständnis für die Feierlichkeiten rund um DJ Antoine gebeten wurde, wegen Lärm und eventuell anderer Emissionen. Als ich den Brief las, überkam mich wieder tiefe Anteilnahme. Im Brief steht: «Nach einem geschlossenen Essen, das von Migrolino zusammen mit dem bekannten Schweizer Musiker DJ Antoine durchgeführt wird, wird dieser auch noch für ein beschränktes Publikum einen DJ-Auftritt absolvieren.»
Hart, dachte ich, wenn man das Publikum von DJ Antoine als beschränkt ansieht. Aber so ist sie eben manchmal, die Wirklichkeit: brutal.
Bis zum nächsten harten, bunten Ei!
Max Küng
Song zum Thema: «The Egg» von Herbie Hancock vom Album «Empyrean Isles», 1964.
* Verniedlichung von «Elefantenrüssel»; bezeichnet formal an miniaturisierte Elefantenrüssel erinnernde, frittierte Truthahnfleischstreifen im Teigmantel.