LIEBE INSTAGRAM-APP
Kürzlich bekam ich von dir eine Botschaft. Du schriebst mir, dass wir nun schon weit über vier Jahre zusammen seien. Ich dachte: «Hoppla! Schon vier Jahre? Verrückt, wie die Zeit vergeht!» Vier Jahre waren mehr als einmal in meinem Leben die maximale Betriebszeit für eine Beziehung. Was hält schon vier Jahre? Vier Jahre sind eine Ewigkeit, nicht nur für Mensch-Maschinen-Liaisons.
So gesehen haben wir zwei es schon weit gebracht, feiern bald die «Hölzerne Hochzeit». Jedoch waren diese Jahre mit dir nicht frei von Flauten, Zank und Kummer. Immer wieder mal wollte ich mit dir Schluss machen. Weil du nervst. Weil du zu viel Zeit kostest. Weil du mich nicht einschlafen lässt. Weil du mich hinderst, das zu tun, was ich will, so zu leben, wie ich will. Ich vertrödle meine Zeit mit dir, anstatt meine Nase in das Buch zu stecken, das ich gerade am Lesen bin *. Du lenkst mich im Tram davon ab, die Gesichter der anderen Menschen zu studieren, die in ihre Smartphones versunken sind. Du bringst mich dazu, wie ein Zombie über Trottoirs zu wanken, weil ich dich anblicke anstatt den Laternenpfahl, in den ich bald reinrumsen werde mit dumpfem «Klonk!».
Immer wieder wurde ich mit dem Gedanken schwanger, mich ein für alle Mal von dir zu trennen. So wie ich mit Facebook Schluss machte. War einfacher, als mit dem Rauchen aufzuhören. Beim zweiten Mal schon klappte es. Mit Twitter habe ich zum Glück ja erst gar nie was angefangen. Twitter gefiel mir nie. Ich fand immer, Twitter habe eine hässliche Stimme.
Ohne Facebook wurde mein Leben wieder besser. Würde es auch ohne dich besser sein? Du bist ja die jüngere Schwester von Facebook. Zwar hübscher und netter, so eine Art Hipster-Hippie-Version der hinterfotzigen Zicke. Trotzdem kommt ihr aus demselben Haushalt, teilt einen schönen Teil eurer Gene.
Wäre ich nicht glücklicher, gäbe ich auch dir den Schuh? Ein freierer Mensch? Aber dann sage ich mir wieder: «Ach komm, Max, gib Insta noch ’ne Chance. Das hat sie verdient.» Und kaum habe ich so gedacht, bringst du mich auch schon wieder zum Lachen, zeigst mir was Schönes oder Spannendes oder einfach Kurioses. Denn selbst einem Post des Modemachers Philipp Plein kann man etwas abgewinnen, und sei es bloss die Speisung des Grolls ob des Zustands der Welt.
Du gibst. Du nimmst. Am Ende bleibt immer was für mich übrig, finde ich.
Und: Ich mag halt einfach Fotos. Denn Bilder sind das, was mir bei meiner Arbeit fehlt. Man sagt so albern: Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Das stimmt nicht. Ein Bild sagt mehr als hunderttausend Worte. Worte, die man aus sich herauspressen muss, denn das Schreiben ist ein anachronistisch zeitintensives Gewerbe.
Ich gehe durch die Welt und sehe etwas, das in einem fotografischen Bild so einfach festzuhalten ist. Zück! Lins! Knips! Fertig! Der Moment ist schockgefroren. Aber anstatt ihn im Speicher des Rechners vergammeln zu lassen, kann ich ihn teilen. Du bist auch ein Zwiegespräch, in dem ich Dinge über mich selbst herausfinden kann: Wer bin ich? Wer möchte ich sein? Was tue ich? Wie sehe ich die Welt?
Ja, manchmal denke ich, du bist auch ein bisschen mein shrink. Na ja, das ist jetzt übertrieben, weil: Einen Psychiater habe ich schon – Dr. Moots, mein Rennvelo.
Aber bei dir Bilder zu posten, ist für mich in etwa so, als ob ein professioneller Fotograf in seiner Freizeit Gedichte oder Kurzgeschichten schreibt und die irgendwo publizieren darf, mit anderen teilen kann. Ein Ausgleichssport, ohne Anspruch, ohne Absichten, ohne kommerzielle Interessen – aber mit der amourösen Leidenschaft des Amateurs. Das mag sorglos klingen, auch weil ich nicht weiss, was mit den Bildern wirklich geschieht. Was du mit ihnen machst. Wem du sie zeigst und weshalb. Aber ich bin kein Digital Native, der den Durchblick hat, sondern digital naiv. Und diesen Zustand möchte ich auch so lange wie möglich aufrechterhalten.
Wir bleiben also zusammen. Vorerst zumindest. Ende Jahr mach ich dann aber Schluss mit dir. Oder vielleicht auch nicht. Mal sehen.
Ach, Beziehungen.
Max
PS Song zum Thema: «Stay with me» von Onra vom Album «Chinoiseries Pt 2».
* Supergutes Buch übrigens: «Wie später ihre Kinder» von Nicolas Mathieu, Hanser Verlag.