LIEBE INFLUENCER
Eine Krise naht. Ich habe es gelesen. Das goldene Zeitalter der Influencer sei bald vorbei, besagt eine Studie, offenbar. Das ist natürlich schrecklich, vor allem zum jetzigen Zeitpunkt, denn auch ich trage mich mit dem Gedanken, ins Influencer-Geschäft einzusteigen. Und dies, obwohl es ja im Grunde eine unrühmliche Geschäftstätigkeit ist – früher sagte man dazu einfach «Werbenutte». Der Gedanke schlich sich heran, als ich rauchend am Rande einer Party stand und mit einem ziemlich erfolgreichen (und auch noch guten) Sänger diskutierte. Der Sänger hat auf Instagram 52 900 Abonnenten, das sind so ziemlich genau 50 000 mehr, als ich aufweisen kann. Ich fragte ihn neugierig, ob er auch ein Influencer sei, ein Markenbotschafter für irgendwas, weil sich so zu profitieren ja anbiete bei seiner Popularität, als Beifang quasi, so wie Gölä etwa für VW Botschafter ist (obwohl der politisch zweimal scharf rechts abgebogen war), ob er also ein sogenannter Brand Ambassador sei. Der Sänger verneinte. Als ich meinte, mit 52 900 Abonnenten könnte er doch einen rechten Batzen rausholen, da dachte er nach und sagte dann, während er seine brennende Zigarette betrachtete, er wäre eigentlich gerne bloss etwas: Brand Ambassador für Muratti Ambassador, die Zigarettenmarke, von der er restlos überzeugt sei – restloser als von allem anderen, die Liebe eingeschlossen. Aber leider sei ja verboten, Werbung für Zigaretten zu machen. Leider. Ich sog heftig an einer dem Sänger ausgerissenen Ambassador, die wirklich lecker schmeckte, und es geschah, was immer geschieht, wenn ich als Paff-Amateur diesen wunderbaren Mix aus Teer, Nikotin und Kohlenmonoxid in mich reinsauge: Ich bekam weiche Knie.
Auf dem Heimweg, im Tram, während ich meinen Instagram-Feed durchackerte, dachte ich darüber nach, wofür ich als Markenbotschafter taugen könnte. Von welchem Produkt oder welcher Marke bin ich bis ins Knochenmark überzeugt? Habe ich zu etwas eine so innige Beziehung wie der Sänger zu seinen Muratti Ambassadors? Was würde passen? Rohr-Max? Head & Shoulders? Thomy Majonnaise? Mitten in diesen halbtrüben Gedanken stolperte ich bei Instagram über eine Werbung von Baselland Tourismus. Ich hielt inne. Baselland ist ein Kanton in der Nordwestschweiz, von dessen Existenz nicht viele wissen. Ich schon, denn: Ich komme von dort. Seit ich in Zürich lebe, sagt man mir immer: «Du als Basler.» Dann rufe ich: «Moment, ich bin nicht Basler! Ich bin Baselbieter!» Die Antwort dann: «Äh, ja... wo ist der Unterschied?» Diese Negierung einer Differenzierung treibt mich jeweils zur Weissglut. Es ist, als würde man Steve McQueen und Eddie Murphy verwechseln.
Baselland ist das Erdferkel unter den Kantonen, kaum jemand weiss etwas darüber. Der Kanton Baselland scheint im Bewusstsein der Restschweiz nicht zu existieren, trotz vieler Errungenschaften und Attraktionen (die Wurstsalat-Weltmeisterschaft in 4456 Tenniken, das Henkermuseum in 4450 Sissach, die Degen-Zwillinge aus 4432 Lampenberg). Und eben: Es gibt ein Tourismusbüro dort! Und die machen Werbung auf Instagram, zum Beispiel für eine Rennvelo-Runde namens «La Grande Boucle de Baselland», Start und Ziel in 4410 Liestal. Die Runde umfasst 125 Kilometer mit nicht weniger als 3400 Höhenmetern! Der Kanton Baselland mag fern der Alpen liegen, aber Berge, Hügel und steile Sauhünde gibts en masse. Es sind die Gipfel meiner Kindheit. Ich weiss, wie sie sich anfühlen. Die Erhebungen heissen zwar nicht klingend Gotthard, Alpe d’Huez oder Stelvio, sondern Stächpalmehegli, Buuseregg und Chilchzimmersattel; aber als Mehrgänger serviert sind sie nahrhaft! Sowieso: Für mich als praktizierenden Höhenängstler sind solche Erhebungen eh viel gescheiter als die hysterisch hochgefaltete Dramatik der Alpen.
Die Berge meiner Kindheit, von denen bin ich ganz und gar überzeugt. Und ich nahm mir vor, diese Hügel, Hoger und andersartigen Unebenheiten zu befahren und diese Erfahrung dann via Instagram mit der Welt zu teilen, von der Anmut der von der Restschweiz ignorierten, vernachlässigten Landschaft zu berichten, die Botschaft der Schönheit des Baselbiets zu verkünden. Das würde meine Mission!
Influencer, Achtung! Ich komme! Max Küng
Song zum Thema: «44» von TAFS vom Album «44» aus dem Jahr 2003