• August 2019

LIEBE GRETA THUNBERG

Sie sind nun unterwegs. Auf dem Schiff. Nach New York. Zum Klimagipfel. Seit Tagen. Die Ankunft ist auf den 30. August geplant.

Ich kenne die Strecke! Vor fünfzehn Jahren fuhr ich auf einem mit 2668 Containern beladenen Frachtschiff namens Pacific Senator von La Spezia nach New York. Das dauerte vier Wochen. Ich würde Ihnen nun gerne sagen, an welcher Ecke es unterwegs geile Dinge zu sehen gibt, aber … nun ja … das Meer ist halt, wie es ist: Vom Liegestuhl am Strand aus wunderbar anzusehen, ist man aber von ihm umzingelt, gänzlich, sieht man nichts mehr am Horizont denn Horizont, dann wird es schnell etwas, äh, langweilig. Am Anfang starrte ich voller Begeisterung durch den Feldstecher, breitbeinig auf der Brücke stehend, blickte auf das Meer und die Wellen und in den Himmel – und als ich den Feldstecher von den Augen riss und ausrief: «A rainbow!», da sah ich den Nautischen Offizier, der zum Kapitän blickte, die Augen verdrehte und mit dem Zeigefinger an die Schläfe hämmerte wie ein Specht seinen Schnabel gegen einen Baum. Bald merkte ich, was das Spannendste war auf dieser Fahrt: die drei täglichen Mahlzeiten – und dem Koch dabei zuzusehen, wie er die Pfannen mit Seilen auf dem Herd festband. In der zweiten Woche blieb ich in der Kabine und spielte Yahtzee gegen mich selbst. In der dritten Woche kam ein Sturm auf, und ich verbrachte die meiste Zeit damit, mich zu übergeben, die dunklen Tiefen der Seekrankheit zu ergründen. Noch Tage nach der Ankunft wankte der Boden, war das, was ich fühlte nicht das, was war.

Sie aber reisen natürlich nicht mit einem dreckigen Dampfer mit einem 22 000 PS starken, hämmernden Dieselaggregat im Bauch, sondern mit einer schnieken Highend-Hochleistungssegeljacht namens Malizia II, die nichts anderes zur Fortbewegung nutzt als die Kraft der Winde. Vermeintlich! Denn es kam heraus, dass die Reise gar nicht so umweltfreundlich sei. Die Crew, welche die Jacht zurücksegeln wird, sie soll mit dem bösen Flugzeug anreisen. Und es ist so, liebe Greta, dass Ihre Jacht natürlich auch nicht aus Balsaholz geschnitzt wurde. Sie ist auch nicht aus alten WC-Rollen und Bioweissleim gebastelt. Sie ist keine ausgehöhlte Mega-Melonenschale mit Zahnstochermast. Hergestellt wurde Ihre Jacht im bretonischen Vannes bei der Firma Multiplast. Und das «Plast» im Namen kommt natürlich nicht von ungefähr: Der Kahn besteht aus acht Tonnen kohlenstofffaserverstärktem Kunststoff, kurz Karbon genannt, noch kürzer CFK.

Ich weiss nicht, ob Sie mit dem Werkstoff vertraut sind, ich bin da auch kein Spezialist, aber eines weiss ich: Er wächst nicht auf Bäumen – um damit zu arbeiten, sollte man besser Atemmasken tragen. Erst kürzlich empfahlen Experten in der «Deutschen Feuerwehrzeitung» bei Unfällen mit PW mit CFK-Bauteilen für Feuerwehrleute eine Schutzausrüstung wie bei einem Unfall mit radioaktiven Stoffen, denn brennt das Zeugs, dann ist es so giftig wie Asbest.

Gehören tut die Jacht keiner Klima-NGO, sondern einem deutschen Immobilienmogul, zuvor soll sie im Besitz der Genfer Privatbank Edmond de Rothschild gewesen sein. Gesponsert wird das «Team Malizia» von BMW und der Privatbankgruppe EFG, die zu einem schönen Stück Spiros Latsis gehört, einem der herrlichen Landschaft wegen nach Monaco verzogenen Multimilliardär aus Griechenland. Der hatte immer schon gerne Gäste auf seinen Booten: Im Jahr 2004 verbrachte der damalige EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso mit seiner Familie eine Woche Gratisurlaub auf Latsis’ Megajacht «Alexander» (etwas bequemer als Ihre Malizia, inklusive Hubschrauberlandeplatz und sechzigköpfiger Besatzung) – danach verhinderte Brüssel mirakulöserweise strengere Umweltvorschriften für griechische Schiffe.

Ich glaube, für die Umwelt wäre es besser gewesen, Sie hätten einen iranischen Öltanker gekapert und wären damit nach New York geschippert. Auch medial hätte das noch mehr hergegeben als Ihre kleine Karbon-Karbasse. Aber es wird ja sicher noch viele Reisen geben. Und was hat jemand mal geschrieben? «Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was erzählen.» Voll der Fall, oder?

Ahoi! Max Küng

PS Song zum Thema: «Vem Kan Segla (I Can Sail Without the Wind)» von Lee Hazlewood und Nina Lizell vom Album «Cowboy in Sweden», 1970.