LIEBE FRAUEN
Am Freitag letzte Woche der Streik: Grossartige Sache! Ich ziehe den Hut, den ich selten trage, muss aber etwas gestehen. Als ich euch im Fernsehen sah, wie ihr landesweit zu Tausenden für eure Sache demonstriert habt, da stieg in mir nebst der Freude für euch auch eine Traurigkeit hoch. Eine Traurigkeit, die mit uns zu tun hat; uns Männern. Ich wäre gerne eine von euch gewesen, letzte Woche, Teil eines starken Ganzen, vereint im Kampf. Für was können wir Männer noch zusammen streiten? Für billigeres Bier?
Die Dinge, sie sind in Bewegung. Ich kann es an meinem eigenen Leben ablesen, blicke ich zurück. Einst schrieb ich einen Artikel in dieser Zeitschrift, in dem ich mich darüber beklagte, dass es keine guten Bücher gebe. Darin notierte ich auch die mich irritierende Feststellung, dass ich damals seit geraumer Zeit kein von einer Frau geschriebenes Buch gelesen hätte: «Warum lese ich bloss Männer? Schreiben sie besser? Oder die Frauen schlechter? Weil ich ein Mann bin? Zufall?» Das war vor 16 Jahren.
Seither las ich viele Bücher von Frauen. Erst unlängst «Flammenwerfer» von Rachel Kushner: top! «Der Distelfink» von Donna Tartt: top! «Vernon Subutex» von Virginie Despentes: so lala (wie der Franzose sagt und selbstverständlich auch die Französin). Eines der besten Bücher, das ich je gelesen habe, eines der lustigsten und zugleich traurigsten, vor allem aber bösesten: der schmale Band «Adam Haberberg» von Yasmina Reza. Hingegen sind mir die aktuellen Jubelarien zu Leïla Slimanis «All das zu verlieren» ein Rätsel: Das Buch ist grauenhaft, oszilliert sprachlich zwischen eisgekühltem Stakkato und schwüler Ponyhofpoesie («Er fährt schnell auf der kurvigen, glatten Strasse. Die Nacht ist warm, und das Gewitter in der Ferne lässt die Pferde unruhig wiehern»).
Aber halt! Es geht hier ja nicht um Literaturkritik, sondern um den Stand der Dinge in Sachen Frau und wie die sich verändert haben. Dass es früher anders war, das hörte ich kürzlich im Kinderzimmer, als der Bub ein Hörspiel von «TKKG» hörte, einer Ende der 1970er-Jahre ersonnenen und bis heute beliebten Kinderbuchreihe (inklusive des aktuellen Kinofilms): Vier Jugendliche lösen Kriminalfälle. Sie heissen Tim, Karl, Klösschen und Gaby. Also drei Jungs und ein Mädchen. Drei zu eins scheint einen vermarktbaren Gendermix darzustellen. Damals wie heute übrigens, wie auch der aktuelle Netflix-Film «Rim of the World» zeigt, in dem vier Teenager die Welt retten (drei Jungs, ein Mädchen), oder die Serie «Stranger Things» (drei Jungs, ein Mädchen). Netflix hat also auch noch etwas Aufholbedarf.
Wenn das Kind einem Hörspiel lauscht, dann sind die Eltern froh und zufrieden und lächeln selig. Denn ein Hörspiel zu hören, heisst, das Kind spielt kein Ballergame und schaut keinen TV-Müll (auf Netflix etwa), sondern tut Schönes, Gutes, Erbauliches.
Das «TKKG»-Hörspiel hiess «Die Jagd nach den Millionendieben», der Bub hatte es aus der Bibliothek geholt. Die Kinderdetektive stellen Gangstern nach. Und was höre ich da Gaby sagen (die eben beschrieben wurde: «Sie hatte langes Blondhaar und tiefblaue Augen mit dunklen Wimpern»), mit ängstlicher Stimme, als die Jungs die Sache ohne Polizeihilfe durchziehen wollen? «Du willst alleine rausfinden, wer die Bilderdiebe sind? Mit ist das nicht geheuer. Das ist zu gefährlich.» Worauf Karl cool antwortet: «Du darfst nur mit, wenn es nicht gefährlich ist, Gaby! Schliesslich bist du ein Mädchen.»
Ich erschrak. Sogleich setzte ich mich zum Kind aufs Bett und sprach mit ihm über das Gehörte.
Tags darauf hörte der Bub schon wieder eine Folge der actiongeilen Teens, sie hiess «Wer raubte das Millionenpferd?». Was hörte ich da den einen sagen? «Das haut den stärksten Neger aus der Raumkapsel!» Schnell sass ich wieder auf des Buben Bett!
So war das früher gewesen: gängig und normal. In einem Früher, das noch nicht lange her ist. Und wie Weltraummüll unsere Erde umwandert, so treiben die alten Gedanken auf CD gebrannt noch immer herum. Vielleicht mal an der Zeit, dass man die ollen «TKKG»-Hörspiele aus dem Verkehr zieht und verbrennt? Es gibt noch zu tun. In der Tat.
Respect! Max
PS: Song zum Thema, der damals klang, als käme er aus der Zukunft, heute aber nicht mehr: «Temporary Secretary» von Paul McCartney vom Album «McCartney II», 1980.