• November 2019

LIEBE FRAU RYTZ

Sie sind als Folge Ihrer Erfolge gerade rege in den Medien anzutreffen. Heute etwa sah ich sie im Wartezimmer meines Zahnarztes auf dem Umschlag der «Schweizer Illustrierten». Sie strahlten, als hätten Sie ein Atomendlager gefrühstückt, dazu die Schlagzeile: «Regula Rytz – Das private Glück der Siegerin – Jetzt feiert die Präsidentin der Grünen Halloween mit ihrem Göttibub, Wienerli & Ketchup.» Ich wollte mir gerade diese schöne Feier vorstellen, da hörte ich meinen Namen. Wie geheissen folgte ich der weiss gewandeten Zahnarztgehilfin – und feierte in der folgenden Stunde auch eine Art Halloween.

Aber nicht nur Homestorys gehören nun zu Ihrem Alltag (das Bild übrigens, auf dem Sie beim Wäschemachen zu sehen sind: wie von Albert Anker gemalt!), sondern auch ernsthafte Interviews. In einem solchen sagen Sie, um zu veranschaulichen, wie ressourcenschonend Ihr Lifestyle ist: «Ich kaufe kaum Bücher, sondern gehe in Bibliotheken.» Als ich dies las, da wurde ich traurig. Das ist natürlich ein Schlag in die Magengrube (oder gar tiefer) all jener, die ihr Geld mit dem Schreiben von Büchern verdienen; denn mit dem Schreiben von Büchern verdient man ja nichts, sondern erst mit dem Verkauf der geschriebenen Bücher. Wenn es also zukünftig alle so handhaben wie Sie und aus grünen Gründen keine Bücher mehr kaufen, dann gehen nicht nur die letzten Buchläden ein, auch die Schreibenden kann man abschreiben. Bibliotheken erhalten oft Vorzugskonditionen, oder sie bekommen die Bücher von den Verlagen gar geschenkt. Als Autorin oder Autor verdient man an einem verkauften Buch zwischen sechs und zehn Prozent des Ladenpreises. Das ist nicht viel, aber immerhin etwas. Wenn Sie nun jedoch Ihres minimalistischen Lifestyles wegen uns Schreibenden auch diese Krümel vorenthalten, dann ist das Hungertuch bald durchgenagt.

Apropos Geld: Wie gefallen Ihnen eigentlich die neuen Banknoten? Ich find sie ja enttäuschend, zu klein, farblich furchtbar, die Sujets grauslich. Vor allem das Bild auf dem neuen Hunderter: Diese bettelnden Hände stimmen mich traurig. Auch weil die Hände so dick aussehen, unappetitlich, wie geschwollen.

Apropos Hunderter: Thomas Klühr, Chef der Airline Swiss, gab auch ein Interview. Er sprach darin über die irrwitzig tiefen Flugpreise, welche die Leute ermutigen, grund- und sinnlos in der Welt herumzufliegen. Klühr meinte klar, dass es keine zweistelligen Ticketpreise geben sollte. Also keine Flüge unter 100 Franken. Damit dieser Seich endlich aufhöre. Super Idee. Eigentlich. Doch als ich dies las, vollführte meine Hand eine Geste, welche auch gut auf eine Banknote passen würde und im italienischen Gesten-Erklärungsbuch * wohl mit rabbia übersetzt würde: Man führt den Knöchel eines beliebigen Fingers zur frisch vom Zahnarzt geflickten Schaufel und tut so, als beisse man hinein aus Wut, Verzweiflung oder leiser Ohnmacht. Ich war nämlich gerade dabei, eine Reise nach Venedig zu planen, um dort die Kunstbiennale im Endstadium zu besichtigen (klassisch strenge Bildungsbürgerreise mit Gastroschlenkern). Mit dem Zug dauert die Reise pro Weg 390 Minuten und kostet retour 2. Klasse 286 Franken (1. Klasse 424 Franken). Flöge ich jedoch, mit der Swiss, ab Zürich, so bezahlte ich für den Hinflug 36 Franken. Den Rückflug gäbe es für 28 Franken. Total also 64 Franken. Inklusive Getränke. Flugzeit: 65 Minuten.

Da muss einem die Umwelt sehr am Herzen liegen, wenn man für die sechsfache Reisezeit den fast fünffachen Preis bezahlen will, obendrein auch noch auf den wunderbaren Blick verzichtet, den man mit dem Morgenflug der Swiss über die Alpen hat, das dunkle Gotthardloch vorzieht.

Liebe Frau Rytz, machen wir einen Deal? Ich nehme den Zug nach Venedig. Und dafür gehen Sie wieder in Buchläden. Abgemacht? Oder Sie leisten eine Kompensationszahlung für entgangene Honorare. Sagen wir: Vier Franken und 60 Rappen? Meine Postcheckkontonummer: 40-42207-7. Danke im Voraus.

Mit zügigen Grüssen Max

* «Supplemento al dizionario italiano» von Bruno Munari, 118 Seiten, viersprachig, Corraini Edizioni, ISBN 978-88-86250-91-7.

PS Song zum Thema: «Slow Train» von Kevin Morby (feat. Cate Le Bon) vom Album «Harlem River», 2013. Morby spielt übrigens heute Samstag im Mascotte, Zürich. Vorband: Bedouine.