LIEBE CORINE MAUCH
Im Tram sitzen sah ich Sie, was ich sehr sympathisch fand. Dass eine Stadtpräsidentin sich nicht in einer schwarzen Panzerglaslimousine rumfahren lässt, sondern den ÖV benutzt, dünkt mich angenehm – für Sie und auch für uns andere, denn es zeugt von einem freundlichen, entspannten Klima.
Weil ich Sie nicht im Tram habe belästigen wollen, möchte ich Ihnen per Brief etwas erzählen, eine kurze Geschichte. Ich geriet im Rahmen einer gesellschaftlichen Veranstaltung (Apéro, Weisswein, Orangensaft, Blätterteigknabberei) in ein Gespräch mit einem Mann aus Basel. Er hörte, dass ich aus seiner Ecke stamme, wenn auch bloss aus der Umgebung, vom Land, aber als ich ihm sagte, ich lebte nun in Zürich, da schürzte er die Lippen, schwieg eine Weile, meinte dann: «Nicht so schlimm. Sind auch Menschen.» Ich gab ihm recht. Und als ich obendrein erwähnte, dass es mir dort gut gefalle, in Zürich, da blickte er drein wie ein Proband eines «Kassensturz»-Zitronentests.
Ich dachte noch eine Weile darüber nach, weshalb man lebt, wo man lebt, und nicht anderswo. Was macht einen Ort oder eine Stadt lebenswert? Wo fühlt man sich zu Hause? Was wird einem zur Heimat?
Ein schwieriger Begriff: Heimat. Wenn ich das Röhrchen durch den Aludeckel des Yogi Drinks mit Himbeeraroma stecke und das kühl-cremige Zeugs in mich reinziehe, dann ist es, als saugte ich an meiner Kindheit. Ist das Heimat in kleinen Schlucken? Manchmal denke ich beim Einschlafen an die kirschbaumgespickten Hügel meiner Kindheit. Ist Heimat dort, wo man herkommt? Oder dort, wo man hinwill? Was man verliess, oder was man findet? Entsteht Heimat dort, wo man die Welt zu begreifen beginnt, wo man kalibriert wird – oder dort, wo man vergessen kann, was man hatte lernen müssen?
Vor nicht langer Zeit rief mich eine Bekannte an. Sie sagte, ihr bester Freund Jerry lebe in New York und arbeite dort für Google. Nun denke er darüber nach, New York zu verlassen und nach Zürich zu ziehen. Ob ich mal Zeit für einen Espresso mit Jerry hätte.
Jerry lebt in Brooklyn. Die Schule in seinem Quartier ist marode, in jeder Hinsicht. Vor dem Eingang steht immer ein Polizeifahrzeug. Die Fenster sind verrammelt, weil ständig eingebrochen wird. Wer es sich leisten kann, der schickt seine Kinder auf Privatschulen oder zieht in ein teureres Quartier. Die Gesellschaft drifte mehr und mehr auseinander. Das bedrücke ihn. Er sagte: «Ich will bloss ein Leben leben, mit meiner Familie, das ist alles. Ein Leben.»
Es war ein schöner Frühlingstag, als ich ihn traf. Wir sassen in der Sonne vor einem Café am Helvetiaplatz. Er fragte mich, ob ich mich hier wohlfühle. Ich bejahte und sagte, es gebe dafür manche Gründe. Die Stadt sei gross und klein zugleich. Der ÖV sei super, der Wald nah, die üblichen Dinge halt, die man sagt. Und dann fiel mir noch ein Grund ein. Ich zeigte auf das Haus, das schräg gegenüberlag, an der Strassenecke. «Und das ist ein Grund. Dort im ersten Stock ist ein Plattenladen. Er heisst Jamarico. Bis heute weiss ich nicht, was der Name bedeutet, aber ich weiss, dass ich dort die Musik finde, die ich brauche. Solange es an dem Ort, an dem ich lebe, einen Plattenladen wie diesen gibt, wo ich das alte Zeugs von Stereolab bekomme, den Soulwax-Soundtrack zum ‹Belgica›-Film und die neue Scheibe von Big Thief, so lange stimmt mit diesem Ort vielleicht nicht alles, aber doch ziemlich viel. Musik verbindet die Vergangenheit mit der Zukunft. Sie ist das Geschehene und das Versprechen zugleich. Verstehst du?» Ja, das war in etwa das, was ich Jerry erzählte (der mich dann doch etwas seltsam anblickte) und was ich auch Ihnen kurz erzählen möchte, als Chefin der Stadt quasi. Das Leben an einem Ort besteht aus vielen Teilen. Eine jede und ein jeder setzt sich ihr oder sein Puzzle des Glücks selber zusammen. Und eines dieser Teile ist – wenigstens für mich – dieser kleine Laden im ersten Stock. Wir sollten nicht nur das Klima schützen und die Fledermäuse, sondern auch die Plattenläden! Denn wo es sie gibt, dort kann man leben. Dort ist zu Hause; und vielleicht so etwas wie... Heimat?
Mit freundlichen Grüssen, Max Küng
PS Die zuletzt bei meinem Plattenladen gekaufte Scheibe: «Designer» der neuseeländischen Singer-Songwriterin Aldous Harding; zuerst gehört an einem anderen Ort, der auch Heimat ist, Heimat im Äther: auf «Sounds» auf DRS-3.