LAVABOWLE
Ein Grund, weshalb ich das Bücherbrockenhaus liebe: Es gibt dort Dinge, von denen ich nicht einmal ahnte, dass sie überhaupt existieren. In einen normalen Bücherladen gehe ich meist, um Novitäten zu erstehen, von denen ich gelesen oder gehört habe. Das Bücherbrockenhaus jedoch ist ein Ort der Absichtslosigkeit, wo man unverhoffte Ideen schürfen kann. Heute etwa fand ich einen gut erhaltenen Bildband über Lothar Matthäus, einen Fussballer, der zu seiner aktiven Zeit auch abseits des Rasens für Unterhaltung sorgte, etwa durch seine Ehe mit der studierten Archäologin und Ex-Miss-Schweiz Lolita Morena. Unvergessen der Trennungsgrund, gemäss Matthäus: «Ein Wort gab das andere – wir hatten uns nichts zu sagen.»
Und wie letzte Woche an dieser Stelle berichtet, entdeckte ich ein Buch des französischen Schriftstellers Carrère. Ein Buch mit dem Titel «Wilde Behauptung», von dessen Existenz weder ich noch die belesensten meiner belesenen Freunde etwas gewusst hatten. Solche Funde zu machen sind beglückende Erfahrungen, und ich kann mir entfernt vorstellen, wie die Forscherin im brasilianischen Dschungel sich gefühlt haben muss, die unlängst eine neue Spinnenart entdeckte, die nun in den vom Naturhistorischen Museum Bern bewirtschafteten «World Spider Catalog» als exakt fünfzigtausendste Art aufgenommen wurde. Sicher nicht ganz einfach, bei diesem World Wide Web der Spinnen den Überblick zu behalten. Übersichtlicher gestaltet sich da das vom selben Museum betriebene «Berner Waldameiseninventar», welches bloss sechs Arten zählt, darunter die seltene Strunkameise, die sich vom Honigtau, jener süsslichen Ausscheidung von Insekten der Ordnung Schnabelkerfe, ernährt, etwa Mottenschildläusen.
Apropos Getränke: Von etwas anderem habe ich auch unlängst erfahren, von dem ich zuvor nicht gewusst hatte, es nennt sich «Lavabowle», ein alkoholhaltiges Mischgetränk, welches in Hotelzimmern anzutreffen ist und dessen Erfindung einem berühmten Schweizer Theatermann zugeschrieben wird. Der Name ist ebenso wie das Getränk selbst eine Mischung, nämlich aus den Worten «Lavabo» und «Bowle» – und dies nicht von ungefähr. Denn Theatermenschen sind oft in fremden Städten, nächtigen in Hotels, und in den traurigen, einsamen Zimmern ist die einzige Kumpanin nicht selten die Minibar. Wenn man nun alle Getränke dieser Minibar in das Lavabo mit verschlossenem Ablauf schüttet – also Bier, Gin, Whiskey, Wein, egal was – entsteht die Lavabowle. Leider kann ich nicht sagen, wie sie schmeckt, denn ich habe sie noch nie probiert. Ich denke aber, sie tut ihre Wirkung, auch wenn mir nicht ganz klar ist, wie man die Bowle aus dem Lavabo ins Glas bekommt, denn man hat ja eher selten einen Schöpflöffel im Reisegepäck. Vielleicht schlabbert man sie auch direkt aus dem Lavabo, mit schnellen Zungenschlägen wie ein Finnischer Lapphund (Suomenlapinkoira). Ich weiss es nicht. Aber ich weiss, dass das unbekannte Buch von Carrère mir nicht lange Freude machte. Aus einem einfachen Grund: Es ist nicht von Carrère. Sondern von Carrière. Ich hatte in der Dunkelheit des Bücherbrockenhauses den kleinen Buchstaben mit dem Tüpfelchen obendrauf übersehen. Und dieser Carrière hat nicht wie Carrère als Schriftsteller Karriere gemacht, sondern als Schauspieler. Er trägt den Vorname Mathieu und hat in «Bilitis» (1977) gespielt und in «Parapsycho – Spektrum der Angst» (1975).
Ich kam mir sehr dumm vor, als ich den Irrtum bemerkte. Dies war nicht das erste Mal im Leben, dass ich so empfand; und es wird wohl auch nicht das letzte Mal gewesen sein.