• März 2026

Das Ding mit Küng: der Rollkoffer: Warum unser Autor nie einen neuen Rimowa-Koffer kaufen würde

Kürzlich war ich auf Reisen und kam in einer deutschen Grossstadt in die Einkaufsmeile. Dort sah ich eine Menschenschlange. Der Gutmensch in mir dachte sogleich: «Wenn Leute zusammenkommen, dann ist das immer ein gutes Zeichen! Vielleicht demonstrieren sie für den Frieden.» Der schlaue Bauernbub in mir dachte: «Da gibt es sicher etwas gratis!» Und der Anglophile meinte begeistert: «How wonderful! A queue!»

Also stellte ich mich hinten an, wurde Teil der Schlange, erst als Schwanz, dann als Bauch, und als ich zu deren Kopf wurde und an der Türe angelangt war, sah ich, wofür ich da eigentlich anstand: um in ein Ladengeschäft eingelassen zu werden – eine schicke, Noblesse ausstrahlende Boutique des Kofferherstellers Rimowa.

Als mir der Wachmann lächelnd die Türe aufhielt, winkte ich ab und machte auf dem Absatz kehrt. Denn einen Koffer dieser Marke besitze ich bereits – seit mehr als zwanzig Jahren schon. Und er lag in jenem Moment friedlich schlafend im Hotelzimmer. Oder vielleicht sah er auch fern. Oder las ein Buch. Ich weiss nicht, was mein Koffer treibt, wenn ich nicht da bin.

Der Rimowa-Koffer über seine Marke: «Gaga-Luxus-Zeugs!»

Zurück im Hotel erzählte ich meinem Rimowa-Koffer vom Erlebten. Er lachte sich schlapp. Dass man seinetwegen Schlange stand! Und diese Preise heutzutage! Er sagte: «Heute sind wir doppelt so teuer wie damals. Nachdem 2017 der französische Luxuskonzern LVMH Rimowa übernommen hat, wurden die Marke aufpoliert und die Preise kräftig angehoben. Und sie haben neue Koffermodelle erfunden, zum Beispiel einen für nichts anderes als zwölf Flaschen Champagner oder Wein. Der kostet 7750 Euro! Und zwar ohne Champagner oder Wein. Gaga-Luxus-Zeugs! Ballaballa!»

Mein Koffer kam so richtig in Fahrt, redete sich in Rage: «Früher stand Rimowa für den klugen Luxus, sich ein hochwertiges Reiseutensil zu leisten. Wir waren nie billig, Qualität hat eben ihren Preis. Aber wir waren reale Produkte deutscher Wertarbeit. Nun sind wir modische Accessoires, die sagen, ja schreien: Meine Besitzerin, mein Besitzer hat too much money! Dementsprechend meiden professionelle Vielreisende inzwischen die Marke, denn wir werden gerne auch von jenen miesen Zeitgenossen vom Gepäckband gegriffen, denen wir gar nicht gehören. Ach, früher war alles besser! Wenn ich so drüber nachdenke, dann fühle ich mich ganz leer.»

Ich ahnte, weshalb er die Neuausrichtung der Marke gen Luxus schlechtredete: Er hatte wohl Angst, ich würde ihn durch ein nigelnagelneues Modell ersetzen. Aber niemals würde ich ihn hergeben. Denn ich liebe ihn. Er ist superpraktisch – und zuverlässiger als mancher meiner Menschenfreunde; ein wahrlich feiner Kumpel, zudem gut gealtert, gezeichnet von all den Reisen, die wir zusammen unternommen haben.

Sowieso: Würde ich heute einen Koffer kaufen, einen zusätzlichen, dann von einer anderen Marke. Zwar ebenfalls aus Aluminium – der Robustheit und zukünftigen Patina wegen. Doch ich würde zur «Aluminium Collection» der Lufthansa greifen. Die Qualität scheint mir ebenbürtig, aber die Preise sind circa 64,22 Prozent humaner. Es geht dort ums reine Reisen, nicht darum, ein Prestige-Statement abzugeben.

Aber all dies sagte ich meinem Koffer nicht. Sondern bloss: «Ich hab dich gern!» Dann packte ich ihn – und bald reisten wir eine Stadt weiter.

Foto: Julia Ishac