• Juli 2022

KOPFSTOSS

Der 9. Juli ist ein ganz normaler, aber auch ein besonderer Tag, so wie alle Tage immer beides sind: ganz gewöhnlich und gleichzeitig bemerkenswert, sie unterscheiden sich diesbezüglich nicht gross von uns Menschen. Der 9. Juli ist heuer ein Samstag, im Jahr 2006 war er ein Sonntag – und ich weiss noch ganz genau, wo ich damals war und was ich damals tat. Ich sass vor dem Fernseher bei Freunden zu Hause. Wir assen Pizza und glotzten das Finale der Fussball-WM, alle waren wir für Italien. Und wir alle machten Augen gross wie die Salamischeiben auf der Pizza, als Zinédine Zidane mit der Rückennummer 10 in der 107. Minute seinen Gegner mit einem coup de tête niederstreckte. Das war der 9. Juli 2006; oder besser gesagt, was heute noch von diesem Tag übrig ist: Pizza und Kopfstoss.

Seltsam, an was man sich erinnert – und an was nicht. Obwohl ich natürlich nicht weiss, an was ich mich nicht erinnere, denn ich erinnere mich ja nicht daran. Andererseits bin ich auch gottenfroh um all die Dinge, die ich nicht mehr weiss. Man stelle sich vor: Man hätte ständig und immerzu alles präsent! Jede Magen-Darm-Grippe, jede Lebensmittelvergiftung oder beispielsweise die eigene Geburt. Das Vergessen ist eine Gnade. Doch dann und wann kommt einem etwas in den Sinn, einfach so, jahrelang hatte man nie daran gedacht. Erst gestern, auf dem Weg zum Bäcker, ich weiss nicht, weshalb just in jenem Moment: eine Szene von vor Jahren, im Franz Carl Weber, als ich im Beisein meines Sohnes die Frau an der Kasse fragte, ob der neue Playboy-Prospekt schon da sei. Es gab dann einen Moment der Stille, einen schiefen Blick meines Sohnes von schräg unten, die in Falten gelegte Stirn der Verkäuferin, bis ich mich schnell und stammelnd korrigierte. Playmobil war damals hoch im Kurs. Nun schläft es in Kisten im Kel-ler und setzt Staub an, ganz so wie Myriaden von Erinnerungen in meinem Gehirn.

Aber zurück zum 9. Juli, an dem David Hockney seinen Geburtstag feiert, fünfundachtzig Jahre alt wird der grosse Künstler. Hockney ist einer der wenigen Gründe, die mich mit dem Umstand hadern lassen, nicht reich zu sein. Und zwar so richtig reich. Also mindestens acht-, besser noch neunstellig. Denn ich besässe gerne einen Hockney. Die Wand im Wohnzimmer wäre gross genug, aber mein Portemonnaie ist es leider nicht. Der Trost für die nicht exzeptionell Situierten heisst Museum. Dort kann man sich all die wunderbaren Dinge ansehen, die man sich nicht leisten kann. Aber einen Hockney in einem Museum zu finden, ist gar nicht so einfach. Als ich etwa auf der Website des Kunstmuseums Basel seinen Namen in die Suchmaske eingab, hiess es, man finde leider nichts. Und sicher gut gemeint, aber mit dem für eine Suchmaschine typischen Humor fügte diese hinzu: «Meinten Sie Socken?» Das Kunsthaus Zürich besitzt drei kleine Hockneys, immerhin, von denen zwei sogar ausgestellt sind. Doch weit werde ich nicht reisen müssen, um mehr zu sehen. Und zwar richtig viel mehr. Denn just am 9. Juli eröffnet im Kunstmuseum Luzern die Hockney-Retrospektive (inklusive dem monumentalen Werk mit einem für ein monumentales Werk enstprechend monumentalen Titel: «Bigger Trees Near Water Or/Ou Peinture Sur Le Motif Pour Le Nouvel Age Post-Photographique» von 2007; 4,5 x 12 Meter). Ich bin sicher, auch in hundert Jahren werde ich noch wissen, wo ich am 9. Juli des Jahres 2022 gewesen bin, was ich getan und was ich gesehen habe: etwas Grosses.