KOPFSTIMME IM KOPF
Als ich Freunde im Tessin besuchte, in ihrem Häuschen hoch über dem Lago, warnten sie mich: Falls ich nachts seltsame Geräusche aus der Küche hören sollte, wäre dies nicht das Monsterwesen Demogorgon aus «Stranger Things» auf der Suche nach Salametti. Nein, bloss ein Siebenschläfer habe sich dort gemütlich eingerichtet. Ich solle freundlich zu ihm sein, er heisse Pedro. Und tatsächlich schaute der Siebenschläfer frech vom Küchenschrank herunter, als ich mir vor dem Zubettgehen ein Merlot-neutralisierendes Glas Leitungswasser eingoss. Artig sagte ich: «Ciao Pedro, come stai?»
Dabei war der Siebenschläfer schon längst in meinem Kopf. Seit Wochen schon. Aber nicht als nachtaktives Nagetier, welches für seinen langen Winterschlaf berühmt ist, den es in selbstgegrabenen Erdhöhlen verbringt, wo sein Herz nur noch fünfmal pro Minute schlägt (sommers liegt sein Puls bei discomässigen dreihundert Schlägen). In meinem Schädel hatte sich ein Song eingenistet, der von ihm handelt: «Sibäschlöfer schlofsch du no?» von einer Band aus St.Gallen, die sich Dachs nennt. Ich hatte den Song an einem Konzert gehört, am Sommerfest der Kunstschule F+F im Westen Zürichs. Im Vorfeld war gemunkelt worden, Stephan Eicher trete auf, denn der hatte einst ebendiese Kunstschule als Schüler besucht, anfangs der Achtzigerjahre, doch dann gab es wohl Terminkonflikte, und ein anderer stand auf der Bühne, alleine und umringt von Instrumenten und Elektronik. Sonst begleiten den Sänger Basil Kehl alias Dachs zwei Mitmusiker, doch die waren an jenem Wochenende in Ungarn an einer Hochzeit und taten wohl, was man in Ungarn an Hochzeiten tut: Pálinka trinken bis die Ohren wackeln. Der Song von Dachs traf mich im Herzen. Und von dort krabbelte er ins Gehirn, wo er sich niederliess und zu spielen an-fing, wann immer es ihm passte, auch Tage, Wochen nach dem Konzert: «Sibäschlöfer schlofsch du no? S’wär ez langsam Zit zum wieder usecho.» Ein veritabler Ohrwurm, nicht nur musikalisch, sondern auch des Textes wegen. Denn ich verstehe die Songzeilen auch als Appell an mich selbst, wieder aufzuwachen. Wann war ich das letzte Mal zuvor an einem Konzert gewesen? Hatte ich während der Coronazeit abgehängt? Denn war es nicht auch gemütlich, allein zu Hause, ohne soziale Verpflichtungen? Dachs besingt genau dieses Gefühl: dass es nun vielleicht an der Zeit wäre, den Hintern zu heben und wieder aktiv am kulturellen und sozialen Leben teilzunehmen: «Sibäschlöfer schlofsch du no? S’wär ez langsam Zit zum wieder usecho.»
Im Mittelalter glaubte man, der Dachs sei ein elbisches Seelentier, welches bösen Zauber bannen konnte: Ein Stück Dachsfell im Hosensack oder unter dem Harnisch, so kam man sicher und gegen jeglichen Schadenzauber gefeit durchs Leben. Nun, mir genügt ein kleiner, verträumter und mit Kopfstimme gesungener Song einer Band aus St.Gallen, schleppende 66 beats per minute langsam, den ich in mir herumtrage als Begleitmusik und Schrittmacher, während ich mich am eigenen Schopf aus dem Trägheitsmorast der Coronazeit ziehe, Stück für Stück.
Als ich mich im Häuschen im Tessin ins Gästebett legte und die Augen schloss, spielte der Song in meinem Kopf. «Sibäschlöfer schlofsch du no? S’wär ez langsam Zit zum wieder usecho.» Und ich hörte, wie etwas mit fein kratzenden Krallen über das Dach über mir trippelte. Zuerst in die eine, dann in die andere Richtung, es klang wie Musik. Dann fiel ich in einen tiefen Schlaf.