• August 2025

Das Ding mit Küng: Ein tonnenschweres Kunstwerk zum Gedenken an das Unwetter im Misox

Soazza ist eine kleine Gemeinde im Misox. Viele meinen, man sei dort bereits im Tessin, da man Italienisch spricht und Palmen spriessen, Skorpione an den Hauswänden auf Beute lauern und bei den Metzgern die Luganighetti meterlang gerollt wie Gartenschläuche in den Vitrinen liegen. Aber das Misox gehört zum Kanton Graubünden.

Dieses Fehlwissen hat damit zu tun, dass zwar Zehntausende täglich auf der Autobahn A13 auf ihrem Weg in den Süden oder von dort zurück durch das Tal und die Röhre des San-Bernardino-Tunnels fahren, aber kaum jemand je einen Halt einlegt, sich die Beine vertritt und die Landschaft näher beäugt. Ein Versäumnis sondergleichen! Schon nur der kolossalen Kastanienbäume wegen: Kein anderer Ort in diesem Land hat mehr Marronimethusalems zu bieten als Soazza, die Stämme über sieben Meter im Durchmesser und hunderte von Jahren alt.

In den Medien war das Misox kurz ein Thema, als im letzten Jahr das grosse Unwetter über die Gegend kam, am 21. Juni, und nach gewaltigen und andauernden Gewittern Murgänge niedergingen, Schuttströme ins Tal drängten, bei denen auch Menschenleben zu beklagen waren. Es kam zu weitreichenden Überschwemmungen, Teile der A13 wurden einfach weggespült.

Die von den Wassermassen zerstörte Autobahn war zwar bald geflickt, doch auch heute noch sieht man die landschaftlichen Narben des Unwetters, die Felsen bleich, von den Wassermassen wie gekärchert, haushohe Geröllhaufen am Wegesrand, und noch längst nicht sind alle Strassen und Brücken wieder instand gestellt.

Bob Gramsma arrangiert Kandelaber, Leitplanken und Geländer zu einer Assemblage

Eine dieser zerstörten Brücken entdeckte der niederländisch-schweizerische Künstler Bob Gramsma in der Nachbargemeinde von Soazza, im Weiler Sorte, während der Aufräumarbeiten im letzten Sommer. Ein tonnenschwerer Haufen aus verbogenem Metall, von den Schuttmassen bizarr verformt, zertrümmert und patiniert: Kandelaber, Leitplanken, Geländer. Gramsma sicherte den Haufen, bewahrte ihn vor der Verschrottung und liess ihn mit Lastwagen abtransportieren.

Nun stehen die Überreste jener Brücke vom Künstler zu einer Assemblage arrangiert und zusammengeschweisst unterhalb der südlichen Kirche von Soazza. Gramsma kreierte ein Kunstwerk, welches wie eine zu Eisen gewordene Zeichnung wirkt, filigran und monumental zugleich. Eine Skulptur, welche wie eine Wolke am Himmel Assoziationen und innere Bilder weckt (ist es eventuell ein schlafender Drache, dem die Zunge aus dem Rachen lugt?).

Aber er schuf auch ein Denkmal, ein Mahnmal, welches an die Geschehnisse des letzten Jahres erinnert – daran, welch zerstörerische Kraft und rohe Gewalt die Natur auszuüben imstande ist. Die Natur, die wir gerne rühmen und lieben, in der wir leben in unserem bergigen Land.

Realisiert hat Bob Gramsma seine Arbeit im Rahmen von ArteSOAZZA, einer Ausstellung, an deren Entstehung auch ich ein wenig beteiligt war und bei welcher sich zehn Künstlerinnen und Künstler mit der Geschichte, der Kultur und der Landschaft der kleinen Gemeinde im Misox auseinandergesetzt haben. Und die vielleicht ein Grund sein könnte, mal von der Autobahn abzufahren, anzuhalten und auszusteigen. Aber zu lange sollte man damit nicht zuwarten: Die Ausstellung dauert nur noch bis zum 14. September.

Foto: Julia Ishac