JENE, DIE WÜRSTE OHNE SENF ESSEN
Als Yuma bezeichnet man ein weitverzweigtes Volk der Indigenen in Nordamerika, welches man aufgrund geografischer Faktoren in drei Stämme einteilt: Fluss-, Hochland- und Wüsten-Yuma. Diese Stämme weisen wiederum eine Vielzahl von Unterstämmen und Zweiggruppen auf, die sich nicht nur die verwandte Sprache teilen, sondern oft auch eine gewisse Poesie in den Namen der jeweiligen Stammesgruppen. Cocopa etwa heissen «jene, die entlang dem wolkenverhangenen Fluss leben»; Quechan wiederum «diejenigen, die auf einem anderen Weg hinabstiegen»; die Chemehuevi sind «jene mit der Nase in der Luft wie ein grosser Rennkuckuck», also jener Vogel, der unter seinem englischen Namen Road Runner als Antagonist der Cartoonfigur Wile E. Coyote weltweit Bekanntheit erlangte («meep meep»). Und die Yavapai sind das «Volk mit schiefem, grimmigem Mund», in gewissen Übersetzungen auch das «Volk, das sich nicht mit anderen Völkern versteht».
Als ich dies las, musste ich sofort an die Schweiz denken. Was, wenn unsere kantonal getrennten Stämme nach nordamerikanischer Indigenenmanier benannt worden wären? «Volk, das gerne weisse Socken trägt und die Karotte anbetet», «diejenigen, die armen Reichen Zuflucht bieten, damit die knochigkalte Gierhand der Steuerbehörden anderer Stämme leer bleibt», «die, die an der Biegung des grossen Flusses leben und gerne an lebkuchenartigem Zeugs knabbern», «Volk, das einst Subaru fuhr (und heute dank des von Unterländern mit Brettern unter den Füssen mitgebrachten Geldes Audi und BMW mit allen erdenklichen Extras)», «die, die so reden, dass keiner sie versteht, und die Wölfe mit blossen Händen erlegen», «jene, die Würste essen und Deutschschweizer verachten und eigentlich schon solche sind, die Frösche essen», «die, die Würste ohne Senf essen», «die, die nackt durch Berge gehen».
Nun, eine Besonderheit der Fluss-Yuma war es, dass sie keinen Reiz darin sahen, materiellen Besitz anzuhäufen, da sie durch die zahlreichen Überschwemmungen des unteren Colorado River, an dem sie lebten, zu einem flexiblen Dasein angehalten wurden. Zurschaustellung von Wohlstand war verpönt, denn üppiger Besitz zeugte von unkluger Lebenseinstellung. Und starb ein Mensch der Fluss-Yuma, so verbrannte man nicht nur feierlich die sterblichen Überreste auf gestapelten Holzstössen, sondern auch seine Hütte sowie sein ganzes Hab und Gut – mit Ausnahme der Pferde. Zugegebenermassen ein radikales Erbrecht. Aber vielleicht auch bei uns ein Modell für die Zukunft? Ichhabenämlichjetztschoneinschlechtes Gewissen, welchen Müll meine Kinder einst erben werden. Erst unlängst fand ich in den Tiefen meines Kleiderschranks nebst einer erst einmalig benutzten Wathose und einem fabrikneuen Kescher einen savannengrünen «Ultra Adventure»-Sonnenhut mit Schutzfaktor 50 und extralangem Nackenschutz, welchen ich vor einem Vierteljahrhundert gekauft habe, um in Sambia auf eine Fusssafari zu gehen – und mit dem ich noch immer aussehe, wie ich damals aussah: wie ein kolonialistischer Supertrottel. Aber ich kann mich einfach nicht von diesem Hut trennen, denn er erinnert mich an die Sonnenuntergänge am Luangwa, dem linken Nebenfluss des Sambesi, wo Vogelschwärme wie schwarze Wolken umherstoben, Krokodile träge gähnten und Flusspferde knatternd flatulierten. Vielleicht brauche ich den Hut auch dereinst wieder, wenn ich beispielsweise das Land der Wüsten-Yuma bereisen möchte. Da brennt die Sonne sicherlich auch gnadenlos herunter. Man weiss ja nie.