IN DIE ECKE
«Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann.» Dieser Aphorismus wird dem französischen Künstler Francis Picabia (1879–1953) zugeschrieben. Es ist ein schöner Satz, der sich auf jedem Zuckerbriefchen gut macht, und es ist ja auch in der Tat eine wunderbare Vorstellung: wie die Gedanken im Inneren des Schädels rumsausen und Loopings und Kapriolen machen.
Aber die Idee ist leider Blödsinn, denn auch wenn der Kopf achteckig oder dreieckig wäre, könnten die Gedanken ihre Richtung ja trotzdem wechseln, sogar in einem quadratischen Schädel könnten sie ihre Fahrtrichtung ändern. Genauer betrachtet befeuert der runde Schädel wohl eher das ungesund teilchenbesch leunigergleiche Rasen von Gedanken. Zudem weiss ich aus eigener Erfahrung: Gedanken ändern selten ihre Richtung, denn sie sind Gewohnheitstiere mit starrem Geradeauslauf und ohne Rückwärtsgang. Ich denke eher, der Kopf ist aus einem anderen Grund rund: dass die Gedanken nicht in die Ecke machen. Mit den Gedanken ist es wohl eher wie mit periodischen Kometen mit unterschiedlichen, elliptischen Umlaufbahnen. Manche Gedanken umkreisen das Zentrum mehrmals täglich, ja stündlich («Instagram!»), andere beschreiben längere bis längste Wege.
Einer dieser Gedanken hat eine Umlaufbahn von exakt vier Jahren. Verlässlich nach dieser Zeitspanne taucht er immer wieder auf. Der Gedanke lautet: «Brauche ich eine neue Kaffeemaschine?» Ich weiss, dass dieser Gedanke angesichts der Probleme auf unserer Welt eher kleiner Natur ist. Aber so sind sie eben, die Gedanken, sie scheren sich nicht um das grosse Ganze.
Zurzeit besitze ich ein Gerät mit Papierpads, welches auf den schönen Namen «The Else» hört, in ironischer Anlehnung an den Werbespruch von George Clooney («Nespresso – What else?»). Eine gute, güns-tige Lösung, aber selbstverständlich tröpfelt aus dieser Maschine nicht das, was man als «cremigen Espresso» bezeichnen kann. Es ist eher eine dunkle Flüssigkeit, die wach macht. Die Gedanken drängten mich zu einem Spaziergang, denn in meinem Quartier gibt es einen Laden, der nichts als Espressomaschinen führt. Den Laden habe ich noch nie betreten, denn als Leichtgläubiger bin ich anfällig dafür, von einem gewieften Verkäufer innert kurzer Zeit überzeugt zu werden.
Doch gerne starre ich in das Schaufenster, in dessen Auslage ein Modell der Marke Marzocco steht, eine wie ein italienischer Siebzigerjahresportwagen fantastisch aussehende Maschine, die zwar «Mini» heisst, aber einen Maxi-Preis hat. Ich kann nicht 5700 Franken für eine Kaffeemaschine ausgeben. Zudem weiss ich: Noch wichtiger als die Kaffeemaschine ist die Mühle. Und die Bohne; deren Partikelgrösse; die Durchlaufzeit; der Wasserdruck. Probleme sind keine einsamen Wölfe, sondern Herdentiere. Oder doch die begehrenswert elegante «Olympia Express» aus heimischer Produktion? Oder ein Vollautomat mit Tresterauswurf und Milchsystemreinigung? Oder eine simple «Moka Express» von Bialetti? Vor Bialetti hatte ich immer schon grossen Respekt, auch weil sich der Firmenchef Renato Bialetti 2016 in einer grossen Bialetti-Kanne als Urne bestatten liess.
Ich spürte – nicht ohne Erleichterung –, wie der Gedanke an eine neue Kaffeemaschine wieder abkühlte. Er würde bald gänzlich schwinden und sich auf seinen Weg zurück in die äusseren Gebiete des Denkens machen. Um dann in exakt vier Jahren wieder mit Schwung zurückzukehren. Mal schauen, welchen Kaffee ich ihm dann anbieten kann.