• Januar 2021

ICH WAR NOCH NIEMALS IN Urnäsch AR

Warum sollte man nach Appenzell fahren? Um nachzusehen, wie es dort ausschaut, wo eine Stimme bei eidgenössischen Abstimmungen wegen des Ständemehrs vierzig Mal mehr Gewicht hat als eine aus Zürich? Um einen Naturjodel- oder Talerschwingkurs zu belegen? Um die gewaltigen Schellen der Silvesterchläuse zu bestaunen oder zuzusehen, wie das «Bloch» von Urnäsch nach Hundwil geschleppt wird?

Es gibt in der Tat so einige Gründe, nach Appenzell zu fahren. Meiner jedoch war keiner der oben genannten. Auch wollte ich mir keine gelbe Hirschlederkniebundhose kaufen, wie sie die Sennen an Festtagen tragen, obwohl die Beinkleider ziemlich heiss anzusehen sind. Der Grund für meinen Besuch liegt im Dorfkern von Urnäsch, gleich an der Kreuzung, von wo die Strassen nach Gonten führen, nach Herisau, nach Appenzell City. An jener Kreuzung findet man in einem unscheinbaren Haus eine Bäckerei, die auf den ersten Blick nichts anderes ist als eine gewöhnliche Bäckerei, in der die Arbeiter in SUV-Akonformen Sicherheitsschuhen ihre Schinkenbrotznüni kaufen, die Hausfrauen und -männer das täglich Brot, Schulkinder eine im Nachbardorf gebraute Goba Cola. Doch man bekommt auch andere Ware dort, wenn man danach fragt: Glutenfreies.

Es gibt Dinge, die interessieren einen kaum. Bis man selbst davon betroffen ist. So ging es auch mir mit einer Autoimmunerkrankung namens Zöliakie, einer chronischen Erkrankung der Dünndarmschleimhaut, hervorgerufen durch eine Unverträglichkeit von Gluten (Getreide-Eiweisse). Bis vor einem guten Jahr war Zöliakie für mich nicht viel mehr als ein Wort, das im Scrabble einundzwanzig Punkte bringt. Als diese Krankheit bei meinem Sohn diagnostiziert wurde, änderte sich die Wahrnehmung schlagartig und grundlegend – und auch das Leben wurde anders.

Doch bald merkt man, dass man mit diesem Problem nicht alleine ist. Und dass das Leben in Bezug auf ein paar Dinge zwar viel komplizierter wird, andererseits aber auch besser, denn das Gute am Schlechtenist im Falle einer lebenslänglichen Glutenunverträglichkeit: Man setzt sich doch etwas intensiver mit dem auseinander, was man isst, morgens, mittags, abends, zwischendurch – denn ohne die Bestandteile eines Nahrungsmittels zu kennen, stopft man es nicht mehr einfach so in sich rein.

Gluten gibts nicht bloss im Brot, in der Pasta und der Pizza, sondern vielleicht auch in der Glace, in Chips, eventuell sogar bei Abschleckbriefkuverts. Vorsicht und eine Portion Skepsis sind angebracht, insbesondere bei allen Spielarten von Convenience-Food. Ohne einen genauen Blick auf das Kleingedruckte der Inhaltsstoffe geht nichts mehr.

Die Bäckerei Gerig in Urnäsch ist ein Familienbetrieb, in dem seit 1987 auch glutenfrei gebacken wird – in einer hygienisch komplett separierten Produktion. Angefangen damit hat man wegen einer persönlichen Betroffenheit. Nach und nach wurde das Sortiment erweitert. Es umfasst heute nicht bloss glutenfreies Brot, sondern auch eine Vielzahl von Torten und regionalen Spezialitäten, etwa den Appenzeller Biber oder den Schlorzifladen, also jene, vor allem im gleich über dem Hügel liegenden Toggenburg bekannte Kuchenspezialität mit dem namengebenden Schlorzi drin, einem Dörrbirnenkompott, gedeckelt von einem Rahmguss.

Der Schlorzi: so süss und lieblich wie die Landschaft des Appenzells, die nun wie unter dem Nidelguss des Fladens schneebedeckt schlummert und wartet, bis im Frühling alles wieder anders ist. Besser wohl, vielleicht sogar gut, dann.

Die Bäckerei Gerig findet man in Urnäsch an der Tüfenbergstrasse 2 sowie in Waldstatt an der Dorfstrasse 26. Glutenfreie Produkte werden schweizweit per Post versandt: www.baeckerei-gerig.ch

Mehr Infos über Zöliakie: www.zoeliakie.ch

Infolge der aktuellen Situation sind sämtliche Brauchtumsanlässe im Appenzell (etwa der Alte Silvester am 13.

Januar oder das Bloch) offiziell abgesagt. Gegen den kalten Entzug hilft eventuell ein Film: www.blochfilm.ch

Das beste glutenfreie Cordon bleu übrigens soll es in Basel geben, im Restaurant Wanderruh im Gundeli