ICH WAR NOCH NIEMALS IN Solothurn SO
Als ich einer aus Solothurn stammenden Freundin gestand, dass mir ihre Geburtsstadt gänzlich fremd sei, schüttelte sie ungläubig den Kopf. «How dare you!», schien ihr Blick zu sagen. Aber so war es: Wissentlich war ich noch niemals in Solothurn gewesen. Weshalb auch?
Einmal hielt der Zug in Solothurn, als ich in den Neuenburger Jura unterwegs war, um dort in La Sagne eine Lasagne zu essen. Und ich weiss, dass berühmte Musiker und Schriftstellerinnen aus Solothurn stammen, etwa die Schlagersängerin Rosanna Rocci («Olé Ola – heisser als Fieber») oder der Dichter Georg Gotthard (†1619; «Histori vom Kampff zwüschen den Roemeren vnd denen von Alba»). Ansonsten bin ich mit der Stadt in etwa so vertraut wie mit der Herstellung von Zellulose.
Meine Freundin ist glücklicherweise ein lieber Mensch und hat mir ein paar Tipps für eine Erstbegehung gegeben. «Du musst im Hotel Baseltor essen», sagte sie, «die machten dort schon Slow Food, als man bei uns noch nicht mal Fast Food kannte! Und du musst dir im Kunstmuseum das Bildnis der ‹Madonna in den Erdbeeren› ansehen. Danach durch die barocke Altstadt spazieren und die elf Brunnen suchen.» – «Die elf Brunnen?» – «Du wirst schon sehen. Und wenn du schon nach Solothurn fährst, dann besuch den Uferpark Attisholz bei Luterbach. Liegt auf dem Weg.»
Also fuhr ich los, und wie empfohlen steuerte ich besagten Park an. Ich versprach mir nicht viel davon, aber sicher wäre es ein guter Ort, um eine zu rauchen und ein paar Stockenten zu stalken. Doch schon die Anfahrt war ungewohnt. Kaum von der Hauptstrasse weg ging es durch ein Industriequartier mit brachliegenden Flächen, Kiesberge erhoben sich und gestapelte Eisenbahnschwellen, die Fassade einer frisch hochgezogenen Biotech-Fabrik leuchtete in der Sonne.
Der Uferpark schmiegt sich an die Aare, vis-à-vis der ehemaligen Zellulosefabrik, welche durch viele Hände gegangen ist, etwa jene von Christoph Blocher und norwegischen Investoren – bis vor zwölf Jahren die Krallen des Pleitegeiers zupackten. Man munkelt, der Blocher habe bloss etwas von der Fabrik behalten: einen schönen Hodler aus dem Direktionszimmer.
Die heute vielfältig zwischengenutzte Fabrik war einst so emissionsstrotzend, dass sie eine eigene Kläranlage von üppigem Ausmass benötigte – und genau die hat man nun in den Park integriert. Der Beton wurde aufgeschlitzt, die Mauern durchbrochen, die einstigen Becken wurden begehbar gemacht, bepflanzt, teils wieder unter Wasser gesetzt.
Diese landschaftsarchitektonische Inszenierung bietet teils labyrinthische Ego-Shooter-Videospiel-Momente, teils einen betörenden Science-Fiction-Zenbuddhismus-Mix. Mich überkam sogleich die Lust, nochmals 14 Jahre alt zu sein, den Roland SH-101-Synthesizer aus dem Keller zu holen und wieder eine Band zu gründen, denn es gäbe keine bessere Location, um einen Musik-Videoclip zu drehen.
Sowieso: Auf Industriearealen habe ich mich immer schon wohlgefühlt und gut erholt. Nichts gegen die Natur, auch in ihrer gepflegten und domestizierten Form samt geharkten Kiesweglein und Rosenrabatten – die Romantik der Industrie jedoch ist ein wildes, starkes Gewürz. Es riecht nach Vergangenheit und Zukunft zugleich, erzählt von Möglichkeiten und nicht selten auch von der weiten Welt, denn irgendwo steht immer auch ein Frachtcontainer.
Als ich auf meine Uhr blickte, sah ich, es war Zeit. Aus dem kurzen Stopp war ein ganzer Tag geworden. Für die Stadt Solothurn reichte es leider nicht mehr. Ich habe weder die elf Brunnen noch die «Madonna in den Erdbeeren» gesehen und auch nichts Barockes. Dafür Betonbrocken, elf alte Klärbecken und einen Biber im Unterholz.
Rückkehrsehnsuchtsquotient: 10 (Park liegt an nationaler Veloroute, zweirädrige Anreise empfiehlt sich) Wakkerpreis-Faktor: 10 (die Stadt Solothurn erhielt den Preis 1980)
Das Schlechteste: Musik im Restaurant der ehemaligen Fabrikkantine (die passt besser zu, sagen wir, Ischgl)
Was vergessen? Ja! (Synthorama-Museum in Luterbach. Am ersten Samstag des Monats offen. Spielen erlaubt, Sampeln verboten! Kopfhörer mitbringen!)