• September 2020

ICH WAR NOCH NIEMALS IN Roggwil TG

Es kam in den Nachrichten: Der Purpur-Sonnenhut killt Corona. Eine Studie beweise es; irgendwie. Und gut, an der Studie beteiligt waren Mitarbeiter genau jener Firma, welche das Arzneimittel Echinaforce aus dem Purpur-Sonnenhut herstellt. Aber wie sagt der Franzose? Honi soit qui mal y pense. Und der Schweizer? Nützts nüt so schadts nüt. Also rannte ich schnurstracks in die Drogerie, denn ich spürte just an jenem Tag ein Kratzen im Hals. Doch in der Drogerie waren die Regale leer. Echinaforce war ausverkauft. Alle hatten sich mit dem Wundermittel eingedeckt! Alle ausser mir. Da hatte ich eine Idee: Wenn die Ware nicht zu mir kommt, muss ich zu ihr. Also auf nach Roggwil, denn dort wird der Zaubertrank hergestellt, bei der Firma A. Vogel AG.

Doch Vorsicht! Es gibt zwei Roggwil. Das eine liegt im Kanton Bern, war früher ein helvetisches Zentrum für Amphetamin (legendäre Technopartys) und steht heute für Adrenalin (grösste Benziner-Indoor-Kartbahn des Landes). Das andere Roggwil findet man 150 Kilometer östlich, im Kanton Thurgau, nahe dem Bodensee und versteckt hinter tausend Apfelbäumen. In diesem Roggwil steht nicht das schnöde Vergnügen im Vordergrund, sondern die Gesundheit. Von hier kam etwa der MBT-Schuh, dessen Erfinder heute im Dorfzentrum den Gesundheitsund Fitnessschuhhersteller kybun leitet.

Mitten im Dorf steht auch ein plätschernder Brunnen, gleich vor dem frisch renovierten barocken Landschlösschen und umringt von hübschen Riegelbauten. Ein Idyll. Im Jahr 1598 wurde der erste Brunnen erbaut. Auf dem jetzigen hat ein Steinmetz eine Blume verewigt. «Echinacea purpurea» steht darunter. Ein Purpur-Sonnenhut. Stifterin des Brunnens war die Firma des Naturheilkunde-Pioniers Alfred Vogel.

Die hat ihren Sitz am östlichen Dorfrand, in Arbon fast, und schon den Besucherparkplatz schmückt leuchtend der Purpur-Sonnenhut, blühend in wilder Schar am Wegesrand. Auch die Bronzestatue des 1996 verstorbenen Firmengründers Alfred Vogel vor dem Eingang der modernen Fabrikationshalle hält ein Büschel prächtig gediehenen Purpur-Sonnenhut im Arm. Inmitten des frei zugänglichen «EchinaPoint»-Erlebniszentrums steht ein hölzerner Pavillon, der einen stilisierten Purpur-Sonnenhut darstellt (siehe Bild). Die Pflanze ist allgegenwärtig. Ich fühlte: Ich war am richtigen Ort, an der Quelle, dem Lourdes von Mostindien! Denn ich wollte ja Echinaforce, und zwar soviel ich kriegen konnte. Doch die Dame am Empfang musste mich enttäuschen. In Roggwil TG gebe es keinen Museumsshop für Spontanbesucher. Bloss Führungen und Workshops auf Anmeldung, etwa den «Freundinnentag» mit dem Titel «Cool durch die Wechseljahre» (55 Franken inklusive vitalstoffreichem Lunch im Gewächshaus), sowie eben das «EchinaPoint»-Erlebniszentrum. «Unsere Drogerie ist in Teufen», sagte die Frau. Dort habe Herr Vogel zu Lebzeiten gewirkt. Eine halbe Stunde später stellte ich fest, dass ich nicht der Einzige war, der an diesem Tag die steile Strasse zu des Meisters einstiger Wirkungsstätte in Teufen AR auf sich genommen hatte. 33 Bäuerinnen und Landfrauen aus Gams SG waren auch in den Ortsteil Hätschen gekommen, hatten eben ihre Führung beendet und drängelten sich vor dem Verkaufstresen. Ob es am Ende noch Echinaforce für mich hätte? Oder würden die gesamten Restbestände nach Gams entführt?

Nach bangem Warten dann Entwarnung und Erleichterung. Es hatte noch. Und zwar jede Menge. Ja, das Geschäft laufe gut, meinte die freundliche Dame, die mich bediente. Sehr gut sogar, betonte sie und lächelte verschmitzt. Erst gestern sei eine neue Lastwagenlieferung aus Roggwil TG gekommen. Zum Glück! Sie strahlte wie ein blühender Purpur-Sonnenhut. Ich tat es ihr gleich, als ich ihr meine Zweihundertfrankennote reichte.

Rückkehrsehnsuchtsquotient: 8,5 (für ausgeschilderten 8,5-km-Rundwanderweg und Lunch in der Linde)

Bäckerei vorhanden? Ja, Bäckerei de roggwilerbeck (sehr gut, Spezialität: Hefestollen am Meter)

Zugehörige Weiler: 12

Verhältnis Einfamilien-zu Mehrfamilienhäusern: 6:1