• November 2020

ICH WAR NOCH NIEMALS IN Riehen BS

Natürlich war ich schon in Riehen. Wer war das nicht?! Und ich war dort sogar schon einmal in der Fondation Beyeler und habe in Claude Monets Seerosenbild gestiert, als ob ich mein Handy suchte, das in den Teich auf dem Bild geplumpst wäre. Ich war im Museumsshop. War im Restaurant. Auf der Toilette mehrmals gar. Aber wo ich noch niemals war bisher: im Park dieses Museums. Denn so ist der Mensch, er hat nicht Zeit für alles, selbst wenn er sie hätte. Nun gibt es aber einen triftigen Grund, zurückzukehren und sich diesen Park mit seinen natürlichen und künstlerischen Bewohnern endlich anzusehen, denn er bekommt hohen Besuch: Der Schneemann kommt und bleibt für vier Jahreszeiten.

Ganz kurz: Dieser Schneemann ist ein Kunstwerk von Peter Fischli und David Weiss. Ursprünglich 1990 als künstlerischer Schmuck eines Heizkraftwerks in Saarbrücken realisiert. Das war die Idee gewesen: Mit der scheinbar im Überfluss vorhandenen Energie des riesenhaften Kraftwerks eine kleine Tiefkühlvitrine neben der Pförtnerloge zu speisen, in der das ganze Jahr über ein Schneemann steht in seinem weissen Kleid und lächelt.

Ich habe dieses Kunstwerk schon einmal gesehen, im Sommer vor über einem Dutzend Jahren, als es mich nach Saarbrücken verschlagen hatte. Ich hatte meinen Sohn dabei, der noch ein Wurm von einem Menschen war damals. Das ideale Alter, um einen Schneemann zu besichtigen, dachte ich. Vor allem an einem dieser affenartig heissen Sommertage. Also pilgerten wir zum Kraftwerk an den Stadtrand. Doch just an jenem Tag war der Schneemann abgetaut, aus welchen Gründen auch immer. Ein nackter Schneemann, welch erschreckender Anblick!

Dann verloren wir uns aus den Augen. Er lebte sein Leben, ich das meine. Ich denke, wir hatten beide viel zu tun. Bis ich vor ein paar Jahren wieder von ihm las. Er bereiste die Welt, war in Chicago zu Gast, dann in San Francisco, stand für eine Weile auch in New York im Garten des MoMA. Und nun bringt ihn seine Reise zurück nach Europa, genauer nach Riehen zur Fondation Beyeler, wo er seit dem 27. November zu sehen ist. Dort werde ich ihn besuchen, und ich freue mich sehr, den coolen Gesellen nach all den Jahren wiederzusehen – und dieses Mal nicht nackig.

Dieser Schneemann ist so etwas wie mein Lieblingskunstwerk. Die Philosophie und die Ironie gehen bei ihm Hand in Hand. Es ist klein und aber auch sehr gross. Es ist simpel und zugleich hochkomplex. Vor allem sein Innenleben ist diffizil, denn einen Hors-Sol-Schneemann zu züchten sei technisch ziemlich kniffelig (und weil es im Park in Riehen kein schlotendes Fernheizwerk gibt, wird er von Solarstrom ernährt).

Zudem erzählt ein jeder Schneemann Kurzgeschichten. Zum Beispiel die von Glück. Von persönlichem Glück. Und die von Vergangenheit, Vergänglichkeit und Verlust; vielleicht vom Verlust der Kindheit und Kindlichkeit, die uns allen – schmerzlich, doch unausweichlich – irgendwann abhandengekommen ist, zu grossen Teilen wenigstens. Aber ein Schneemann erzählt auch eine andere Geschichte, nämlich die von Einfachheit und Hoffnung. Denn um einen Schneemann zu bauen, braucht es nicht viel, bloss zwei Hände mit zehn klammen Fingern dran, ein Quantum an Lebensfreude und so etwas wie die Idee einer Idee – und natürlich Schnee.

Mir kommt es vor, dass dieses Kunstwerk so vielschichtig und widersprüchlich ist wie das menschliche Leben selbst. Und dadurch scheint mir, als betrachtete ich nicht den Schneemann in seiner schrankartigen Tiefkühlvitrine, sondern mich selbst. Je suis Schneemann. Et Schneemann, c’est moi.

Schönster (und traurigster) Schneemannfilm: «Krtek a snehulák» aus der Serie «Der kleine Maulwurf», 1997.

Bester Wintersong: Nein, nicht «Last Christmas», sondern «White Winter Hymnal» von Fleet Foxes, 2008.

Nachlese: Schon einmal schrieb ich hier über einen Schneemann, aber einen selbst gebauten. Die Kolumne «Kugeln kugeln» findet man im Sammelband «Die Rettung der Dinge», Seite 19 ff., erschienen im Verlag Kein & Aber, 2017.