• Oktober 2020

ICH WAR NOCH NIEMALS IN Raron VS

Ich liebe den Herbst! Und dies aus vielerlei Gründen, etwa seiner Milde wegen, des farbenprächtigen Striptease der Bäume oder der mehrheitlichen Absenz von Plagegeistern wie Pollen, Mücken oder Wespen. Zudem: Marroni! Trauben! Trüffel!

Mit dieser Zuneigung bin ich nicht alleine, denn der Herbst ist unbestritten die schönste Jahreszeit – wenigstens für all jene Menschen, deren Lebenssehnsüchte nicht ausschliesslich von Dingen wie brasilianischen Beachvolleyball-Turnieren oder alaskischen Schlittenhunderennen handeln. Auch bei auf Empfindsamkeit der Umwelt gegenüber Hochsensiblen wie etwa den Dichterinnen und Dichtern war und ist der Herbst stets hoch im Kurs. Und der Herbst-Toplyriker schlechthin ist Rainer Maria Rilke, das wissen nicht nur Gymnasiastinnen und Gymnasiasten, welche seinen Evergreen «Herbsttag» vor der Klasse stammelnd hatten auswendig vortragen dürfen («Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben» etc.). Schleunigst Zeit also für eine Stippvisite beim Poeten; ich griff meinen gebetsbuchkleinen, aber cremeschnittendicken Band mit all seinen Gedichten, stieg in den Zug und fuhr nach Raron.

Im Herbst seines bewegten Lebens kam Rilke in die Schweiz und geriet in den Bann der Landschaft des Wallis, was durchaus verständlich ist. Das Wallis gefiel ihm gar so gut, dass er nie mehr gehen wollte.

Er wünschte, dort begraben zu werden, auf einem markanten, mit Burg und Kirche gespickten Felsberg in Raron. Ebenda liegt er nun seit dem Winter 1927, direkt an der Mauer der Burgkirche St. Romanus. Es ist ein Grab mit einem schlichten Kreuz aus Holz, darauf Rilkes Initialen, dahinter auf einem Marmorstein Selbstgereimtes: «Rose, oh reiner Widerspruch, Lust, Niemandes Schlaf zu sein unter soviel Lidern.»

Öffnet man die eignen Lider, so sieht man: Die Aussicht von dort ist prächtig, der Blick geht bis zu schneebedeckten Gipfeln, kein Wunder lockt das Grab viele Besucher! Der Ausflug lohnt sich.

Auch Helmut Kohl ist da gewesen, anno 1989, weiss eine Bronzetafel an der Kirchenmauer neben Rilkes Grab zu berichten. Keine Ahnung, ob man Rilke gefragt hat, ob er es okay findet, wenn man die Tafel direkt neben sein Grab hängt. Irgendwie lenkt das schon ein bisschen ab vom grossen Dichter. Mich auf jeden Fall würde es mächtig sauer machen, prangte neben meinem Grabe dereinst eine Tafel, auf der stünde, dass ein Politiker meine letzte Liegestätte besucht habe, etwa der Christoph Mörgeli. Da würd ich mich glatt im Grab umdrehen! Aber dies ist eben das Los der Toten: Sie können niemandem den Besuch verwehren. Und so kam der Kohl nach Raron, mit Frau Hannelore, ging hoch zur Burgkirche und starrte andächtig auf Rilkes Ruhestätte, legte Blumen nieder.

Man kann sich unschwer vorstellen, wie schwer der damalige Bundeskanzler hat schnaufen müssen, als er den steilen Weg zur Burg hochging. Mir war bei meinem Besuch, als könne man noch immer fein das Japsen und Schnauben vernehmen, als ich droben in die Stille lauschte und über den Sinn des Grabspruchs brütete. Oder war es nur der eigne Atem, den der Weg einem geraubt? Oder ein Hörnchen im Baum?

Die Kohls übrigens kamen damals im April nach Raron. Die Schneeglöcklein versteckten ihre Köpfe noch unter der weissen Decke, die der gern tändelnde Winter liegen liess, die Temperaturen waren frostig, es war glatt. Man erzählt sich, der Staatsmann sei hinter der Kirche ausgerutscht und auf dem Hosenboden gelandet. Davon steht natürlich nichts auf der Gedenktafel, leider. Und selbst schuld – der Frühling ist komplett die falsche Jahreszeit für eine solche Visitation.

Jetzt im Herbst aber ist die Zeit ideal! Doch wird Kohl niemals mehr zu Rilkes Grab hochsteigen, denn seinen letzten Schnauf hat er längst getan. Auch er.

Rückkehrsehnsuchtsquotient: 8 (mit Wanderschuhen und Teleskopstöcken) Höchster Punkt: 3934 Meter (Bietschhorn)

Anzahl privater Outdoor-Swimmingpools (handgezählt bei Google Earth): 0

Zeitgewinn bei Anreise mit Zug gegenüber PKW in Minuten: ab Basel 29, ab Bern 41, ab Zürich 54

Ja-Anteil bei Abstimmung zum Jagdgesetz: 86,76 %