ICH WAR NOCH NIEMALS IN Prepianto GRnd
Sackgassen sind selten berühmt. Meist sind sie auch nicht sonderlich beliebt. Weshalb sollten sie es auch sein? Sie führen ja nirgendwo hin, ausser dorthin, wo sie hinführen, nicht aber weiter. Verglichen mit Passstrassen sind Sackgassen jämmerliche Blinddärme, auch wenn ihr Name in anderen Sprachen durchaus einen schönen Klang besitzt (dead end; cul-de-sac).
Doch gerade wegen ihrer allgemeinen Unbeliebtheit liebe ich als Gümmeler die Sackgassen, denn die Unbrauchbarkeit für Reisende garantiert ein gewisses Mass an Verkehrsarmut und Ruhe.
Eine dieser geliebten Sackgassen beginnt im südlichen Zipfel des Misox, dort, wo der Kanton Graubünden endet und das Tessin beginnt, genauer: in einem kleinen in der Talsohle dösenden Ort namens San Vittore, der einerseits pittoresk ist, andererseits modern (Industriezone mit Waffengrosshändler, Solarpionieren, Helikopterbasis). Die Abzweigung von der Kantonsstrasse am südlichen Dorfrand ist unscheinbar. Die Strasse, die dann folgt, die hat es aber in sich. Und sie ist auch etwas für Rechenfaule: Es sind ziemlich genau 12 Kilometer Weg und 1200 Meter Höhe bis ans Ende. Das heisst: durchschnittlich 10% Steigung. Es gibt dabei ein paar flachere Stücke, was schön ist, aber auch heisst, dass es steilere Stücke gibt. Vor allem gegen Ende zieht die Steigung teils giftig an. Allerdings finden sich immer wieder Stellen am Wegesrand, an denen man unverdächtig als Landschaftsfotograf getarnt anhalten und durchatmen kann. Denn die Blicke, sie sich einem bieten, sind in der Tat lohnend, zuerst jene hinunter ins Misox mit der sich schlängelnden A13 und dem Fluss Moësa sowie in die Magadinoebene, dem zwischen den Bergen ausgebreitet daliegenden Grossraum Bellinzona, später jene ins wilde Calancatal.
Oben in Prepianto angekommen gibts zwar keine Belohnung in Form eines Bratwurststandes, es gibt auch kein mit Abziehbildern vollgeklebtes Passschild samt amtlich beglaubigter Höhenabgabe in Metern und Fuss für das obligate Passschild-Selfie, das man sogleich auf Instagram posten kann, damit die Daheimgebliebenen neidisch und zähneknirschend raunen: «Der hats gut!» Prepianto ist noch nicht einmal ein Ort, sondern bloss eine Ansammlung von Steinhäuschen, die zu San Vittore gehören. Es gibt keinen Trubel hier oben, keine Cabriofahrer, die sich die Beine vertreten, oder Busladungen mit Rentner* innen, die ihre Blasen entleeren. Ja, es ist wirklich wunderbar still.
Es mag schönere, längere und härtere Sackgassen im Land geben, etwa jene zum Lago del Narèt (ab Bignasco 31 km, 1870 Hm, krass in jeglicher Hinsicht). Als kleiner Berg-Snack jedoch ist der Weg nach Prepianto genau das Richtige.
Und dann folgt die Belohnung: die Abfahrt, auf der man all die Dinge noch einmal sieht, die man zuvor bereits gesehen hat, einfach in einem anderen Tempo, von der anderen Seite und in einer leicht anderen Gefühlslage. Das ist das Tolle an Sackgassen: die Wiederholung unter anderen Umständen. Es ist ein wenig wie im Restaurant, wenn man nach einem ausgedehnten Essen die Rechnung erhält und mit schnell wachsendem Staunen quittieren darf, was man zuvor alles verschlugen hatte, bloss folgt bei der Sackgasse die Freude anstatt des Schocks.
Das Allerschönste an der Schussfahrt zurück zum Ausgangspunkt (mit der nötigen Bremsbereitschaft, die Strasse ist eng): die zu sehen, die nun den Berg hochfahren auf ihren Velos, langsam und wankend, mit vor Qual entstellten Gesichtern wie Figuren auf einem Hieronymus-Bosch-Gemälde, schweissüberströmt, keuchend und aus dem letzten Loch pfeifend wie verendende Murmeltiere, mit aus dem Maul hängenden und im Tretrhythmus schlenkernden Speichelfäden. Was für Trottel, denke ich, als ich ins Tal hinunterschiesse. Was für Idioten, dass sie solche Qualen auf sich nehmen, um nirgendwo hin zu kommen. Lieber die als ich!
Begegnungen mit Motorrädern auf Berg- und Talfahrt: null
Giro: Am nächsten Samstag passiert der Giro d’Italia auf seiner zweitletzten Etappe San Vittore um ca. 13.50 Uhr. Es geht zum San Bernardino und dann weiter. Ziel: Alpe Motta im Splügental. Eine Sackgasse!