ICH WAR NOCH NIEMALS IN Oberwil-Lieli (AG)
Schweizweit oder gar über die Grenzen hinaus bekannt! Welche Gemeinde wäre das nicht gerne? Die Frage ist bloss, wofür man berühmt wird, weshalb man in den Köpfen der Menschen hängen bleibt. Im Fall von Oberwil-Lieli ist es Hartherzigkeit, wenigstens in Bezug auf Asylanten. Die wollte man sich partout nicht diktieren lassen – ein potenzielles Flüchtlingsheim kaufte die Gemeinde, riss das Gebäude kurzerhand ab. Berühmt gemacht hat Oberwil-Lieli auch sein ehemaliger Gemeindeammann Andreas Glarner, der heutige Präsident der SVP Aargau, mit seinem Politstil à la Morgenstern, wobei sich Morgenstern hier nicht auf den deutschen Lyriker bezieht, sondern auf die mittelalterliche Schlagwaffe.
Wie der Doppelname vermuten lässt, ist Oberwil-Lieli ein verheiratetes Paar, bestehend aus den Ortschaften Oberwil und Lieli. Liebe aber war es nicht, was die beiden zusammenbrachte: Man wurde im Jahr 1908 vom Kanton gegen den Willen der Bevölkerung zwangsverheiratet. Der Grund: Lieli war pleite. Heute kommen Zuzüger in Scharen. Vorausgesetzt, sie können den Boden bezahlen – mit 1600 Franken pro Quadratmeter Bauland muss man schon rechnen. Dafür gibt es anständige soziale Distanz, individuelle Freiheit und üppig parzellierte «Landhauszonen». «Verdichtung» ist ein Schimpfwort in Oberwil-Lieli, was man auch sehen kann. Es gedeiht ein artenreicher Villenwuchs. Auch jemand ohne architektonisches Gespür wird schnell erkennen: Den Wakkerpreis des Schweizer Heimatschutzes wird man niemals gewinnen.
Umso schöner ist der Blick in die Ferne. Oberwil-Lieli ist wunderbar gelegen auf einem wie der Rücken eines friedlich schlafenden Drachens sanft gewellten Hügelzug namens Holzbirrliberg. Das Wappen der Ortschaft verweist auf die Lage, zeigt einen Holzbirnenbaum mit dreizehn seiner harten und ungeniessbaren Früchte. Aber eben: Nicht nur der Fernsicht wegen kommen die Menschen. Der Steuerfuss hat weitherum eine der allerkleinsten Schuhnummern. Auf Immobilienplattformen kann man deshalb lesen, Oberwil-Lieli sei eine «Steuer-Oase». Zudem: Mit dem Bus ist man ohne Halt in elf Minuten in der Stadt Zürich, man hat einen eigenen Autobahnanschluss und eine Umfahrungsstrasse samt Tunnel. Schilder mit Piktogrammen weisen auf das Polizeireglement § 29 Absatz 6 hin: «Innerhalb des Siedlungsgebiets und auf befestigten Strassen und Wegen ausserhalb des Siedlungsgebiets ist der Pferdekot durch den Reiter unverzüglich zu beseitigen.» Was will man mehr?
Mitten in dieser Oase befindet sich nochmals eine: die Güggeli-Oase. So nennt sich das Restaurant Hirschen, denn die Spezialitäten Mistkratzerli und Poulet im Chörbli werden in nicht weniger als sechsundzwanzig Varianten serviert. Während die Version «Halleluja» noch auf den nur ein paar Hügel weiter einst auf dem Schlachtfeld gevierteilten und gegrillten Reformator Huldrych Zwingli verweisen könnte, so sind andere Bezüge geografisch klar verortet: Das Poulet Mombasa etwa («sehr scharf») lässt die feurige Exotik der für ihren Gewürzmarkt bekannten Küstenstadt aufleben, «Bora Bora» («sehr scharfe Curry-Sauce») erinnert an die Sandstrände der Atoll-Lagunen im Südpazifik, «Amboseli» («afrikanisch, scharf») an die Safari-Savanne. In der Güggeli-Oase werden auch Pouletflügeli serviert, linke wie rechte, unter anderem «mit Indianerblut (sehr scharf)» oder mit der «Hammerschlag-Currysauce». Das Cordon bleu gibts unter anderem auf «Glarner Art» vom Schwein mit Käse und Knoblauch.
Ob die Herzen in Oberwil-Lieli wirklich so hart und klein sind, wie man vermutet, das weiss kein Mensch. Sicher aber ist, dass die Poulets zart und gross sind – und ebenso gross scheint die Sehnsucht nach der Ferne zu sein, denn in Oberwil-Lieli ist die ganze Welt zu Hause! Wenigstens auf der Speisekarte der Güggeli-Oase.
Rückkehrsehnsuchtsquotient: 8 (aber nur für eine Durchfahrt mit dem Rennvelo)
Wakkerpreis-Faktor: -5
Bäckerei vorhanden? Ja, Bäckerei Huber (sehr gut, Spezialität: Princesstårta)
Anzahl privater Outdoor-Swimmingpools: 72 (handgezählt via Google Earth)