ICH WAR NOCH NIEMALS IN Monte Carasso TI
Als ich auf dem Rücken lag und die Beine verbog, wurde mir gewahr, wie es war: In meiner Pilatesgruppe waren alle ausser mir Architekt*innen. Weshalb? Auch in meinem Freundeskreis finden sich auffallend viele Archis (und andererseits kaum Journalist*innen). Zufall? Oder einfach Logik, da es so viele Architekt* innen gibt? Ich weiss es nicht, aber vielleicht hat es auch damit zu tun, dass Architekt*innen tendenziell interessante Menschen sind, da ihr Beruf es mit sich bringt, über reale Problemstellungen und deren Lösungen nachzudenken. Diese Neigung zum Denken ist irgendwie anziehend.
Als ich unlängst einen Architektenfreund besuchte, sah ich auf der Gästetoilette einen Zettel mit einem Spruch darauf. «Jeder Eingriff setzt eine Zerstörung voraus, zerstöre mit Verstand und mit Freude!» Gezeichnet: Luigi Snozzi.
Mir als Architekturbanausen war dieser Snozzi nicht wirklich ein Begriff, doch als ich nachfragte und mein Freund von ihm berichtete, genauer von einer Begegnung, die er während seines Studiums an der ETH mit ihm gehabt hatte, da veränderte sich sein Blick. Er sprach von Snozzis Charisma und Charme, seiner Menschlichkeit und Coolness, seinem scharfen Verstand. Es war ganz so, als berichtete er von einer Begegnung mit dem Messias – und als ich ihm dies scherzhaft so sagte, da verneinte mein Freund nicht, sondern nickte, als er knapp hinzufügte: «Hat was, durchaus.» Und er empfahl mir zwei Dinge. Ers-tens Snozzis Buch «25 Aphorismen zur Architektur», zweitens ein Besuch in einem Dorf im Tessin: Monte Carasso.
Der Geburtsort der Ex-Miss Christa Rigozzi liegt am Fluss Ticino und der an diesem entlangführenden Autobahn A2 mit ihrem sommerlich dichten Blechstrom, gleich vis-à-vis der Kantonshauptstadt Bellinzona. Er hat 2405 Einwohner*innen, die man «Montecarassesi» nennt. Snozzi wurde von den Montecarassesi Ende der 1970er-Jahre mit dem Bau einer Primarschule beauftragt, die neben der Autobahn errichtet werden sollte. Doch gab es bald Bedenken: Konnte man nicht einen besseren Ort für die Schule finden? Einen Ort im Ort anstatt am schnöden Rand? Snozzi hatte einen Plan. Und so wurde das alte Augustinerkloster im Zentrum zur Schule umgebaut. In der Folge wurde der Friedhof umgestaltet, um Platz für einen Kinderspielplatz zu schaffen, eine halb im Boden steckende Turnhalle aus Beton wurde errichtet, ein Sportplatz kam dazu, ein Haus für den Bürgermeister, ein Bankgebäude, das Gemeindedepot, Strassen wurden verlegt und neue Fusswege und Plätze geschaffen. Eins führte zum anderen und es entstand eine weitreichende und langjährige Beziehung zwischen Snozzi und der Gemeinde, in der man über das Gebaute glücklich schien: Man verlieh dem Architekten die Ehrenbürgerschaft. Snozzi wurde ein Ehrenmontecarasseso (und soll an der Verleihung aus Rührung geweint haben).
Auch heute noch pilgern Architekturstudent*innen aus der ganzen Welt in den kleinen Ort, um dieses eindrückliche Beispiel von Revitalisierung und verdichtetem Bauen zu studieren. Und ich kann sagen: Auch einem Laien vermittelt ein Spaziergang durch dieses städtisch gedachte Dorf ein besonderes Gefühl; und ich empfand Verständnis für den schwärmenden Freund mit dem verklärten Blick und dem Snozzi-Aphorismus auf dem Gästeklo. In Monte Carasso erlebt man das Werk eines Architekten, der nicht sich selbst verwirklichen wollte, dem es nicht um die vom Ort losgelöste Manifestation seiner selbst in Form eines Denkmals ging, sondern um die Menschen, die in und mit den erbauten Häusern leben, sowohl als Individuen wie auch als Gemeinschaft. Wie lautet doch ein weiterer Aphorismus des im letzten Dezember achtundachtzigjährig an den Folgen von Covid-19 verstorbenen Meisters? «Es gibt nichts zu erfinden, alles ist wieder zu erfinden!»
Das Buch: Luigi Snozzi: 25 Aphorismen zur Architektur. Schwabe, Basel 2013, ISBN 978-3-7965-3264-1
Wakkerpreisfaktor: Volle Punktzahl, genauer erhielt Monte Carasso die Auszeichnung bereits 1993
Weiterführend: Eine Selbstbedienungsseilbahn bringt einen hoch hinaus, von wo der Weg noch weitergeht, etwa zur 270 Meter langen Hängebrücke Ponte Tibetano oder auf den Berg mit dem schönen Namen Gaggio