ICH WAR NOCH NIEMALS IN Märwil TG
Gestartet wird bei der Ortstafel, gleich beim Werkhof der Bauunternehmung Wanzenried. Richtung Zentrum gehts los, dann in die Zweribachstrasse, scharf links in die Mettlenstrasse und aus dem Dorf hinaus, ostwärts. Sanft steigt die Strasse an, vorbei an Flecken wie Chämisbraate, Hoschehoo, Suurugge geht es durch den Eichholz-Wald und runter nach Mettlen, den Ort, an dem der geniale Bamix-Stabmixer produziert wird (400’000 Einheiten pro Jahr, Exportanteil 90 Prozent). Bremsen! Links in die Weinfelderstrasse, vorbei an den grossen Traktoren der Landmaschinenhandlung Egger («Was wir nicht haben – brauchen Sie nicht»). Die Strasse steigt sanft an, fällt ab, voll Karacho nach Rothenhausen, mit Schuss in den Linksknick, weiter nach Oberbussnang, wo in zwei schnellen Kehren Steuerkünste gefragt sind, dann in der Senke über den Furtbach und mit Schwung rein in die zähe Steigung, die sich zieht und zieht und zieht bis zum Eierliagger.
Nach 10,3 Kilometern und 130 Höhenmetern kommt man zurück zur Start- und Ziellinie. Die erste Runde ist geschafft! Siebzehnmal absolvieren die Männer heute Samstag diese Schlaufe, achtmal die Frauen, dann stehen die Champions im Velo-Strassenrennen fest. Gegen hundert Rennfahrerinnen und -fahrer werden in Märwil erwartet. Wer nicht in Spanien an der ultraharten Vuelta engagiert ist, wird sich den Start nicht entgehen lassen, schliesslich geht es um das begehrte Trikot mit dem Schweizer Kreuz. Nur ein Viertel der Velo-Rundstrecke legen die Hühner zurück, wenn sie nach Märwil kommen. Und sie absolvieren ihre Runde bloss einmal. Der grösste Arbeitgeber des Dorfes (900 Einwohner und Einwohnerinnen) ist nämlich der Geflügelverarbeiter Frifag (knapp 300 Angestellte). Kurz nach Mitternacht werden die ersten der täglich 35’000 Tiere angeliefert, betäubt und geschlachtet. Die 2,5 Kilometer lange prozessoptimierte Fliessbahnfahrt durch den Kühlraum bis zu ihrer kompletten Zerlegung und Verwertung legen sie in 240 Minuten zurück. Früher gab es in Märwil eine Mosterei (Schliessung 2003) und die einst bekannte Schuhfabrik Sumag (Schliessung 1981). Heute dreht sich alles um das Huhn. «Willkommen in Poulet-City» heisst es denn auch auf einer Fassade der Frifag, deren Fabrik gefühlt das halbe Dorf einnimmt. Eine Boulevardzeitung titelte: «Giggerig auf Güggeli». Prächtige Fotos auf den anderen Fassaden zeigen überdimensionierte Geflügelspezialitäten: knusprige Keulen, saftige Brüste, krosse Flügeli. Sollte es bei Ihnen heute Huhn geben, so stehen die Chancen nicht schlecht, dass das Tier sein letztes «gack-ack-ack» in Märwil getan hat. Bei Truthahn liegt die Trefferquote gar bei satten 90 Prozent.
Die 10,3 Kilometer-Schlaufe der Schweizermeisterschaft habe ich bloss einmal rentnermässig gemütlich abgekurbelt (Rundenzeit 21:13 Minuten). Ich kann mir aber lebhaft vorstellen, dass die bis zu 11,5 Prozent steile Schlusssteigung spätestens bei der siebzehnten Passage doch etwas in den Beinen brennt. So kumpelhaft und sanft die apfelbaumgespickten Hügel erscheinen mögen: Kumuliert werden sie zu elenden Sauhunden.
Wer heute gewinnt? Bei den Frauen tippe ich auf Marlen Reusser, bei den Männern auf Stefan Küng (Sponsor: Micarna). Denn der gewann auf dieser Strecke sein allererstes Radrennen – mit elf Jahren. Er kennt die Kurven in- und auswendig und jeden Randstein höchstpersönlich. Aber damit ist er nicht allein. Gespannt darf man auch auf die Leistung von Stefan Bissegger (22) aus Mettlen sein, seiner Physis wegen «Muni» genannt. Er startet für den lokalen Veloclub Bürglen-Märwil, ebenso wie Altmeister Michael Albasini. Für Spannung ist gesorgt. Und erlaubt ist die Frage: Weshalb sind die Ostschweizer so starke Rennvelofahrer? Ist es das stete Auf und Ab? Sind es die Güggeli? Ist es der Most? Oder ein geheimnisvoller Mix aus allem?
Start des Rennens Schweizermeisterschaft Elite in Märwil: 31. Oktober; 9 Uhr (Herren), 9:03 (Damen) Rückkehrsehnsuchtsquotient: 7 (für Tour abseits der vielbefahrenen und velostreifenarmen Hauptstrasse)
Wakkerpreis-Faktor: 0 Filme mit Pouletszenen: Eraserhead von David Lynch, 1977; Chicken Run von Peter Lord und Nick Park, 2000