• November 2020

ICH WAR NOCH NIEMALS IN Langenbruck BL

Die alte Heimat, das unbekannte Wesen. Der Kanton Basel-Landschaft etwa ist mir vertraut, denn dort wuchs ich auf. Ich kenne das Dorf, aus dem ich stamme. Die Umgebung. Den Ort, wo ich zur Schule ging, und jenen, in dem ich später die Lehre machte. Doch viele Teile sind mir weitgehend unbekannt. Ich schrieb einmal, das Baselbiet sei das Erdferkel unter den Kantonen, da kaum jemand etwas darüber wisse. Aber weiss ich denn mehr? War ich je in Titterten? In Zwingen? Oder in Langenbruck? Ich mochte mich nicht erinnern. Also stieg ich ins Auto.

«Top of Baselland» steht selbstbewusst auf der Willkommenstafel am Ortseingang. Die Aussage ist korrekt: Keine Gemeinde im Kanton liegt höher. Hingegen zeugen die verrammelten Hotels und Restaurants an der stark befahrenen Hauptstrasse davon, dass die Zeiten tourismustechnisch auch schon besser waren. «Bis auf weiteres geschlossen» steht auf dem Zettel im Aushangkasten des Bären, der sich irgendwann nobel in Hôtel de l’Ours umbenannt hatte. Der Zettel hängt schon dreizehn Jahre dort. Einst nächtigten illustre Gäste im Bären, reiche Basler oder Generäle (Wille, Guisan) – und einmal auch ein Super-VIP: Kaiser Joseph der Zweite von Österreich; dies anno 1777.

Die meisten, die heute die Ortstafel passieren, halten in Langenbruck nicht an. Transitverkehr rauscht gen Solothurn, kurvengeile Motorrad- und Sportwagenfahrer flüchten Versprechungen von Fliehkräften entgegen, es zieht sie hin zu den asphaltierten Kehren des Oberen Hauensteins und der Santelhöchi.

Ich setze den Blinker, parkiere, montiere die Bergschuhe. Die Stange mit den Wanderwegschildern ist üppig bestückt, in jede Himmelsrichtung locken Pfade. Meiner führt mich ostwärts aus dem Dorf (954 Einwohner). Tausend Schritte weiter hat mich die Natur verschluckt; davon herrscht kein Mangel rund um Langenbruck. Entlang dem flüsternden Dürstelbach geht es hinauf, gemächlich erst, dann verlässt man den plätschernden Kompagnon und steigt steil durch den Wald. Nach einer Stunde tut sich das Geäst wieder auf, und ich kann mein Ziel, einen Jurafaltenwurf entfernt, schon sehen: der felsige Doppelgipfel namens Ankenballen.

«Paul Jenni’s Ruhebank» ist in die Rückenlehne einer Sitzgelegenheit am Waldrand eingraviert. Der verstorbene Politiker und Jugendbuchautor («Jack und Cliff und der grüne Mond», 1973) sass gerne hier. Aus gutem Grund: Man hat wohl den wunderbarsten Blick auf den Ankenballen, der für das Baselbiet ist, was das Monument Valley für Arizona. Und der am schönsten ist, wenn man ihn aus einer gewissen Distanz betrachtet – wie so vieles im Leben.

Nachdem ich mich am Ankenballen sattgesehen und mein mitgebrachtes Schinkensandwich mit dick Butter drin aufgegessen habe, gehe ich weiter. Erst inspiziere ich noch die in den Berg gebuddelten Schützengräben aus dem Ersten Weltkrieg beim Spitzenflüeli, Teile der Fortifikation Hauenstein, dann führt der Weg im Rücken des Ankenballens über eine prächtig mit Kuhfladen garnierte Weide hinunter zum ehemaligen Kloster Schönthal, wo andere Dinge die Landschaft verzieren: Skulpturen einer weit verstreuten Outdoor-Kunstausstellung. Besonders imposant: die Riesenhoden einer Bronzefigur des jung verstorbenen Künstlers Martin Disler. Da kann man Augen machen, wie man will, sie werden nie so gross wie diese Hoden. Richtige Ankenballen!

Gut gelaunt und auch ein bisschen high von der Landschaft und der vielen frischen Luft spaziere ich durch den an Farbenprächtigkeit kaum zu überbietenden Herbstwald zurück. Ich war bis dahin noch nie in Langenbruck gewesen. Ein Versäumnis! Nun aber habe ich den Ankenballen gesehen. Und ich weiss: nicht zum letzten Mal.

Rückkehrsehnsuchtsquotient: 10 (der Chilchzimmersattel gehört auf jede Gümmeler-Bucket-List!)

Anzahl privater Outdoorpools (handgezählt bei Google Earth): 6 (plus eine öffentliche Kneipp-Anlage)

Dorfhelden: Flugpionier Oskar Bider (erste Alpenüberquerung 1913) und Schwester Leny (Stummfilmstar)

Tragik: Die Geschwister starben am selben Tag. Leny erschoss sich, als Oskar abgestürzt war (wohl auch Suizid)