• Dezember 2020

ICH WAR NOCH NIEMALS IN … Ins BE

«Erster Akt. Glockenton eines Bahnhofs, bevor der Vorhang aufgeht. Dann die Inschrift: Güllen. Offenbar der Name der kleinen Stadt, die im Hintergrund angedeutet ist, ruiniert, zerfallen.»

So beginnt das weltberühmte Theaterstück «Der Besuch der alten Dame» von Friedrich Dürrenmatt – wie ein Spaghettiwestern an einem öden Bahnhof mit Männern, die auf einen Zug warten. Die Idee dazu kam Dürrenmatt, als er selbst in der Eisenbahn sass, genauer: im Schnellzug von Neuenburg nach Bern. Aus des Schriftstellers Sicht hielt dieser unnötigerweise in Ins. Ein Schnellzug! In Ins! Und so war Dürrenmatt gezwungen, den «kleinen, trostlosen» Bahnhof zu betrachten und die «erbärmliche» Bahnhofstrasse. Später schrieb er, dieser Stopp habe ihn ungeduldig gemacht, auch wenn er bloss ein, zwei Minuten gedauert habe. Jedoch waren es «Minuten, die sich für mich lohnten, kam ich doch durch sie wie von selbst auf die erste Szene».

Hätte Dürrenmatt aber sein Zweierli Rotwein im Speisewagen schnell geleert, seinen Ranzen aus dem Waggon gehievt und wäre die Bahnhofstrasse ins Dorfzentrum hochgegangen, dann hätte er eine Szenerie gesehen, die ganz und gar nicht trostlos ist, sondern eher wie auf einem von Leben wimmelnden Gemälde, sagen wir von Albert Anker, wenn der heute noch leben und wirken würde. So war es zumindest bei meiner Visite («Besuch des alten Herrn») zur Mittagszeit: Kinder ergossen sich von der Schule her in lärmigen Trauben auf den Dorfplatz, wo gerade ein weisser Döschwo passierte und inmitten der Szenerie welscher Bauernhäuser und bernischer Patrizierbauten gar nicht aus der Zeit gefallen wirkte.

Es herrschte Betrieb auf dem Platz. Leute gingen noch schnell zum Metzger Hämmerli, der seine Türe nicht um zwölf Uhr schliesst wie Ladenlokale andernorts, sondern um zehn nach. Nebenan holten sie beim Bäcker Ritter Nidelkuchen (sehr gut übrigens!) oder nochmals ein Haus weiter in der Käserei ein Stück Inser Kümmelkäse (auch super!). Der Brunnen plätscherte in einem fort, und ein Traktor fuhr vorbei mit seinen Monsterstollenrädern, einen gewaltigen Anhänger am Haken, voll beladen mit Lauchstangen, an deren Bärten noch die schwarze, fruchtbare Erde hing, aus der sie eben gerissen worden waren. So stellt man sich ein Dorf vor!

Und es gibt sogar ein Kino in Ins, zudem eine Bude mit Pommes («Arik Imbiss») und den Rosenhof-Park mit seinem Sternzeichenerlebnispfad, einem massstabsgetreu nachgebauten Labyrinth der Kathedrale von Chartres und einem Astrolabium zur Grundorientierung in der sphärischen Astronomie – und als wäre dies noch nicht genug, gibt’s dort obendrein auch noch einen Outdoor-Pizzaofen. Der Park ist ein lebendiger Nachhall der hier einst ansässigen anthroposophischen Schul- und Heimgemeinschaft. Zudem: Kaum je habe ich irgendwo so viele Katzen durch die Strassen schleichen sehen wie in Ins, zutrauliche obendrein, schnurrend und kraulempfänglich.

Als ich abends wieder in den Zug stieg, dachte ich einen Gedanken, den ich selten denke fern der Heimat: Hier könnte ich leben. Vielleicht lag dieser nicht eben naheliegende Gedanke auch bloss am schönen Wetter oder am weiten Himmel oder am Licht, von dem man sagt, dass es ein besonderes Licht sei, davon habe auch der ortsansässige Kunstmaler Albert Anker zeitlebens profitiert. Oder es lag am Umstand, dass es im Dorf an der Müntschemiergasse 2, gleich vis-à-vis von Albert Ankers einstigem Haus, einen Fahrradladen gibt, der die anbetungswürdigen handgefertigten Rennvelos des Familienbetriebs Sarto aus dem Veneto feilbietet – und wo ich lange vor dem Schaufenster stand, geifernd wie ein Zwölfjähriger.

Wie dem auch ist: Es hat sich gelohnt, aus dem Zug zu steigen, anstatt sitzen zu bleiben wie der faule Dürrenmatt. Und Abfahrt. Abgang. Vorhang.

Nördlich: Aussichtspunkt St. Jodel, von wo der Blick bis zu den drei Seen geht.

Südwestlich: Strafanstalt Witzwil (mit Gefängnishofladen), wo Friedrich Glauser ein Jahr einsass (1925).

Mittendrin: Albert Ankers Haus und Atelier kann man besichtigen.

Details: www.albert-anker.ch.