• März 2021

ICH WAR NOCH NIEMALS IN Hendschiken AG

Bauernhöfe, Einfamilienhausquartier, Industrie am Rand. Der Coiffeursalon heisst Haarmonie, die Beiz Jägerstübli («gut bürgerlich»). 19 Vereine, 1314 Einwohner, Steuerfuss 125 Prozent. Hendschiken im unteren Bünztal könnte ein Dorf wie viele andere Dörfer sein. Doch gibt es einen kleinen Unterschied – und der heisst Gerrie Knetemann.

Gerrie Knetemann wäre ein sehr guter Name, um von einem unerbittlichen Geldeintreiber getragen zu werden. Oder von einem, der Animationsfilme im Stil von «Wallace & Gromit» produziert. Doch unser Gerrie Knetemann hatte eine andere Profession. Er war Radrennfahrer. Sein Markenzeichen: Die Brille der Marke Ray-Ban (Modell Outdoorsman), die er auch bei den Rennen stets trug. Der Spitzname des Holländers war «de Kneet». Knetemann war schon eine Legende, als er am 22. Juni 1979 nach Hendschiken kam, zusammen mit den anderen Akteuren des Tour-de-Suisse-Trosses, denn dort sollte jene Ausgabe der Landesrundfahrt mit einem Einzelzeitfahren zu Ende gehen.

Er hatte das für einen Holländer mythische Amstel Gold Race gewonnen, Paris-Nizza ebenso, war an der Tour de France 1977 als «kämpferischster Fahrer» ausgezeichnet worden. In Hendschiken ging er als Strassenweltmeister an den Start – an der WM auf dem Nürburgring hatte er in einem eisenharten Rennen nach 273,6 Kilometern und 7 Stunden und 32 Minuten und 4 Sekunden den Italiener Francesco Moser niedergerungen, um einen Handschuhbreit im Fotofinish. Auch bei der Tour de Suisse war er erfolgreich gewesen, hatte in den Tagen zuvor bereits drei Etappen für sich entschieden, etwa die 254 Kilometer lange Brutalstrecke von Verbier nach Locarno. Beim abschliessenden Zeitfahren in Hendschiken über zwanzig Kilometer demonstrierte «de Kneet» noch einmal seine Stärke, gewann souverän, sein Durchschnittstempo auf der regennassen Piste: 48,71 Kilometer pro Stunde.

Und die Schlussetappe wurde zum veritablen Dorffest! (Man hatte darin schon etwas Erfahrung: Bereits 1973 war die Tour zu Gast gewesen). Das schöne Wappen (ein gelber Handschuh) prangte auf Tausenden von Werbeplakaten und Klebern und Streichholzbriefchen (ein Hauptsponsor war die Zigarettenfirma Mary Long). Es gab einen Rummelplatz, Helikopterrundflüge, eine Spaghettistube, eine Bierschwemme und natürlich die Tombola mit 20’000 Losen und einem grossartigen Hauptgewinn (ein Datsun Cherry).

Bei den diversen Siegerehrungen (zum Beispiel für den «Ovomaltine-Bergpreis», ging an Beat Breu, der aber nachträglich disqualifiziert wurde, weil er mehr als Ovi intus hatte) wurden von den Ehrendamen nicht weniger als 23 Blumenbouquets verteilt. Im grossen Festzelt wurden 21 Fass Bier getrunken, 1200 Portionen Spaghetti verdrückt und 2800 Bratwürste obendrein. Promis und Stars wurden gesichtet: Peter, Sue und Marc etwa, ebenso WM-Schiedsrichter Godi Dienst und Skiflugweltmeister Walter Steiner. Erich Scherrer und Peter Müller massen sich bei einem Home-Trainer-Rennen. Für gute Stimmung sorgten bis tief in die Nacht die Fünf Kitzecker (original Oberkrainer-Musikanten) sowie die Gettys, ein Sechs-Mann-Orchester.

«De Kneet», der Sieger von Hendschiken, war bekannt und beliebt für seinen Humor und seine träfen Sprüche. Einer seiner schönsten beschrieb die Mentalität derer, die verrückt genug sind, Velorennen gewinnen zu wollen: «Verstand auf null, Blick auf unendlich.» Gerrie Knetemann verstarb 2004 mit dreiundfünfzig Jahren in seiner holländischen Heimat während eines Radausflugs mit Freunden an einem Herzinfarkt. Er hätte heute seinen siebzigsten Geburtstag gefeiert.

Bäckerei? Nein, aber im Industriequartier gibts die Chäschüechlimanufaktur Arcari AG (mit Fabrikladen)

Erinnerungen a gogo! Auf www.5604.ch, der Digitalchronik des Dorfes, inklusive der Aufzeichnungen von Josef Gschwend, der als Initiator der Tour-de-Suisse-Aktivitäten die Welt gleich zweimal ins Dorf holte

Heute wird die Radsaison so richtig lanciert! Mit einem der schönsten Rennen überhaupt: Strade Bianche in der Toskana. Wer gewinnt? Marlen Reusser natürlich. Und Stefan Küng. TV: SRF Info live ab 15:15 Uhr