• Januar 2021

ICH WAR NOCH NIEMALS IN Heizenholz ZH

Und dann geschah es, am ersten Arbeitstag des neuen Jahres: als ich den Kopf hob und aus dem von den Vibrationen zitternden Busfenster blickte. Das Draussen kam mir zwar bekannt, aber falsch vor. Ich hatte es verpasst, an der Busstation auszusteigen, an der ich immer aussteige, wenn ich ins Büro fahre. Aber anstatt vom Sitz aufzujucken, lehnte ich mich zurück. An der nächsten Station blieb ich sitzen. Ebenso an der über- und an der überübernächsten. Fuhr mit dem Bus weiter aus der Stadt hinaus, bis ich dort war, wo ich noch nie zuvor gewesen war, an der Endstation, die immer gross auf der Stirn des Busses leuchtet: «Heizenholz».

Schon seit Jahren fragte ich mich, wenn ich in den Bus einstieg, was Heizenholz heisst, was einen dort erwartet. Ein Fernheizwerk? Ein Krematorium? Niemals aber fuhr ich hin, stieg stets brav an meiner Station aus, denn Heizenholz klingt nicht eben verheissungsvoll. Nun aber würde ich es anders machen.

Das ist Heizenholz: ein Strassenname und eine Kehrschleife für den Bus. Ein Selecta-Automat und eine Handyantenne. Ein Blick ins Limmattal und eine viel befahrene Strasse nach Regensdorf. Hier ist das Ende von Zürich, wo die Stadt ausfranst, die Bauern Pflugscharen zu Bauprofilen machten, Wohnblocks auf dörfliche Reste treffen, überrenovierte Überbleibsel erledigter Jahrhunderte, Erinnerungen an Zeiten, die nie mehr sein werden, Herausgepützeltes, Heruntergekommenes, Hühnergehege – und noch ein Wohnblock.

Heizenholz gehört zu Höngg, einst ein Dorf, in den 1930er-Jahren aber von der Stadt einverleibt und dem Kreis 10 zugeteilt, heute ein beliebtes Schlafund Wohnquartier, aus dem illustre Figuren stammen, etwa der in Deutschland wieder aktuelle Fussballtrainer Christian Gross. Oder die Jodlerin Luise Beerli, ihrer Liebe zum landwirtschaftlichen Gefährt der Marke Hürlimann wegen auch «Traktor-Beerli»* genannt. Oder der international bekannte Kameramann Peter Baumgartner**.

Doch nicht nur Menschen sind von Höngg aus in die nahe oder ferne Welt gezogen, auch Fliessgewässer entspringen dort, etwa der Weidtobelbach, an dem entlang es für mich zu Fuss zurück zu der Station ging, an der auszusteigen ich vergessen hatte.

Wie der Name des Fliessgewässers sagt, geht es in ein Tobel, eine Miniaturschlucht in diesem Fall, welche der zahme Bach (winters bloss ein Rinnsal) über die Zeit ins weiche Gelände gezogen hatte. Der Weg: nicht viel mehr als ein schlammiger Trampelpfad. Aber ein jedes Tobel ist ein Versteck vor der Welt und eine Rückführung in die Kindheit: Gummistiefel voller Wasser, Steine mit ekligen Köcherfliegenlarven dran, gross angelegte Staumauerbauunternehmungen.

Der Weidtobelbach vereint sich nach 360 Metern mit dem Fürtlibach, das Duo wird fortan schlicht Dorfbach genannt, der Lochholz-sowie der Zwüschethölzerenbach kommen noch dazu, gemeinsam fliessen sie gen Limmattal, gurgelnd, über Schwellen fallend, mal schneller, mal langsamer, mal schmaler, mal breiter, das Tobel tut sich auf – bis der Bach hinter einem Gitter in einem dunklen Loch verschwindet, von Menschenhand eingedolt, mit Beton gezähmt und gefangen unter einem Ort namens Oberengstringen hindurch, fern eines jeden Auges der Limmat entgegenfliesst.

Mein Marsch war da noch nicht zu Ende. Den ganzen Weg von Heizenholz ging ich, in Gedanken noch lange im Tobel. Der Schrittzähler zeigte 15’077, als ich im Büro ankam, pünktlich zur Mittagessenszeit, wie mir die Uhr am Handgelenk sagte. Die Schuhe waren dreckig, aber der Kopf war recht frei – und der Appetit gut an diesem Tag.

*Hit: «In Höngg isch öppis los», komponiert von Alex Eugster (Musik) und Charles Lewinsky (Text)

**Filme: «Blutjunge Masseusen» (1972); «Die bumsfidelen Mädchen vom Birkenhof» (1974); «Die Sex-Spelunke von Bangkok» (1975); «Sechs Schwedinnen auf Ibiza» (1981); «Ein Schweizer Namens Nötzli» (1988), etc.

Vorsätze: Täglich 10’000 Schritte; kein Alkohol bis Ende Februar; max. 20 Zigaretten und min. 5000 Velokilometer bis Ende Jahr; Rubik’s Cube in unter 3 Minuten