• August 2021

ICH WAR NOCH NIEMALS IN Gruyères FR

Kommt man mit der Eisenbahn in Gruyères an, findet man exakt vis-à-vis des Bahnhofs das «Maison du Gruyère», eine Schaukäserei mit Souvenirshop und Restaurant. Da muss ich hin. Denn seit mir eine Freundin mit französischem Vornamen von etwas erzählt hatte, das sie «faire la totale» nannte, war ich besessen davon, ebenfalls diese Erfahrung zu machen. Ihre Augen weiteten sich, als sie mir erläuterte, um was es sich bei «faire la totale» handelt: Ein Fondue mit Gruyère- und Vacherinkäse zu essen – und danach die freiburgerischen Delikatessen weiter zu deklinieren, in Form einer Portion Meringues mit Crème de Gruyère (eine elegante Bezeichnung für ortsspezifischen Doppelrahm).

Doch erst die Bildung! Die Schaukäserei gaukelt einem nichts von heimeliger Kleinbauernkäserei vor, sondern verweist stolz auf das industrielle Ausmass der Gruyère-Produktion und zeigt auch das Schaulager mit einer Kapazität von 7344 Laiben à 35 Kilo – und einem Roboter, der sich um den Käse kümmert, ihn pflegt und wendet. Etwas cheesy ist der Audioguide, und die Schautafeln sind auch etwas überreif, aber: Es ist wohl das einzige «Museum» der Welt, bei dem das Eintrittsticket aus Käse besteht, genauer gibts in Plastik eingeschweisst drei je 15 Gramm schwere Gruyère-Stückchen in unterschiedlichen Reifestadien. Trotzdem stellt sich mir die Frage: Weshalb sieben Franken Eintritt bezahlen für einen Tempel der Käsepropaganda?

Das angegliederte Restaurant bietet 250 Sitzplätze und besitzt einen eher funktionalen Charme, die Single-Portion Fondue moitié-moitié wird mit Brot und kleinen Kartoffeln serviert (26.50 Franken). Wie nicht anders erwartet, schmeckt es gut (schliesslich ist man hier an der Käsequelle). Dass rund um das Caquelon herum Sommer herrscht, steigert den Reiz nur, denn wer möchte schon ein Fondue-bloss-im-Winter-Esser-Spiesser sein? Fondue geht immer! So steht es auch an der Wand geschrieben: «Une semaine sans fondue… C’est une semaine de perdue!» Die folgenden Meringues stellen sich als zwei meerschweinchengrosse Teile heraus, dazu wird ein üppig mit dickem Doppelrahm gefüllter Topf serviert (10 Franken). Artig vollziehe ich «la totale», esse auch den letzten Krümel, bin dann aber doch froh, nach dem Bezahlen nicht justement zum Bungee-Jumping antreten zu müssen oder einen Flugsimulator gebucht zu haben, sondern gemächlich den Hang hochzuspazieren, denn das eigentliche Gruyères liegt erhaben hundert Meter über der Ebene auf einem Hügel und sieht von weitem aus wie aus einem SJW-Bastelbogenheft gebaut: Uralt und megaproper zugleich.

Das Altstädtchen scheint nur aus Restaurants zu bestehen, die sich an der einzigen Strasse aufreihen. Und gross steht es auf Tafeln: Fondue! Und Meringues! Und Cre`me double! Mit gesenktem Blick marschiere ich schnurstracks zur nächsten Station. Das HR Giger Museum ist eine Pilgerstätte für Fans des in zweierlei Hinsicht fantastischen Künstlers HR Giger, der unter anderem das so furchteinflössende wie geniale Film-Monster «Alien» erschaffen hatte.

Je länger ich die Ausstellung betrachte (oder sie mich), desto mehr fühle ich mich, als hätte ich ein Alien im Bauch, das mein Blut aus dem Gehirn in das Abdomen saugt. «La totale» tut seine Wirkung und dies wiederum – so scheint mir – steigert die Intensität der Wirkung der teils erschreckenden, teils erschütternden und teils «nur für Erwachsene» gedachten Exponate von HR Giger.

Eine Stunde später taumle ich zurück zum Bahnhof. «Eines der schönsten Schweizer Dörfer» steht auf einem Schild am Wegesrand. Dem könnte durchaus so sein, doch gesättigt von Käse und Doppelrahm und tausend erblickten Monstern und anderen Horrordingen, ist eine Beurteilung von was auch immer schlicht unmöglich.

Rückkehrsehnsuchtsfaktor: Fürs Erste ist mal gut. Und eine andere Freundin mit französischem Vornamen meinte, für «la totale» gehe man besser in Fribourg ins «Café du Gothard», wie Tinguely und Jo Siffert einst

Giger-Bar: Vis-à-vis Museum (siehe Bild); falls man «la totale» amplifizieren möchte: «Alien Coffee» mit Meringues, Cre`me double und Honiglikör (15 Franken)