• Mai 2021

ICH WAR NOCH NIEMALS IN «Get Carter» (1970)

Wenn das Licht ausgeht, die im Saal plaudernden Menschen verstummen, die Handys in den Hosensäcken verschwinden, der Projektor angeworfen wird und auf der Leinwand dann der Löwe brüllt – auf diesen Moment musste ich lange warten.

Wann bin ich das letzte Mal in einem Kino gewesen? In welchem Film? Ich mag mich nicht erinnern.

Das Kino, in dem ich nun sitze, es ist denkmalgeschützt, ein Saal aus dem Jahr 1949. Es hiess einmal Studio 4, seit 1983 heisst es aber Filmpodium. Und auch wenn kein Film läuft, hat das Auge doch einiges zu sehen. Es ist ein Kino ohne duftende Popcornmaschine im Foyer und 4-DX-Rüttelsitze im Saal, dafür mit Charakter und einem charakter-sowie gehaltvollen Programm für all jene, welche die Suchfunktion bei Netflix einigermassen unbefriedigt zurücklässt und die Lust haben auf das, was man «ein gutes altes Kinoerlebnis» nennen könnte.

Zudem bietet das Filmpodium die Möglichkeit, gewisse Wissenslücken zu schliessen. Deshalb auch entschied ich mich für einen Film, den ich noch nie gesehen hatte, aber immer schon hatte sehen wollen: «Get Carter» aus dem Jahr 1970 mit Michael Caine in der Haupt- und Britt Ekland in einer Nebenrolle, Regie: Mike Hodges. Erzählt wird die Geschichte von Jack Carter, einem Gangster, der nach dem Tod seines Bruders in seine Heimatstadt Newcastle zurückkehrt, um eine paar Dinge zu regeln. Denn dass sein Bruder Suizid begangen habe, wie man behauptet, das scheint ihm doch unmöglich.

«Get Carter» ist mehr als ein stylisher und stilbildender Gangsterfilm mit einer zwischen Obercoolness und brutaler Verzweiflung oszillierenden Hauptfigur. Er ist vor allem ein Sittengemälde und eine Sozialreportage, ein Zeitdokument, denn «Get Carter» ist kein funkelnder James-Bond-Streifen, der uns an die schönsten, spektakulärsten Ecken der weiten Welt entführt. Er schleift uns bloss mit der Eisenbahn (schon die Anfangsszene mit der kongenialen Musik von Roy Budd ist einfach grandios) von Südengland in das Newcastle des Jahres 1970, derb und roh, die Leute in den Bingo-Arkaden und auf den Pferderennbahnen und an den Theken der Trinkhallen gezeichnet vom Leben und von der Arbeit und geplagt von den Ängsten vor einer Zukunft, die so bunt scheint wie der von Fabrikschornsteinen verdunkelte Himmel über Newcastle. Garniert wird dies alles mit britischem Humor der galligen Sorte.

«Get Carter» endet an einem Meeresstrand, aber es ist kein idyllischer Sandstrand, an dem man sein Badetuch ausbreiten möchte. Das Meer sieht auch nicht eben verlockend aus. Es ist der südlich von Newcastle gelegene Blackhall Colliery Beach, wo wie von Geisterhand, aber doch nur maschinell, der Bergwerkschutt ins Meer gekippt wird, die Industrialisierung der Natur ihren Todeskuss auf den schon spröden Mund drückt. Die perfekte Kulisse für eine finale Verfolgungsjagd. Und «Get Carter» hat – ich denke, damit ist nicht zu viel verraten – kein Happy End. Er ist nicht gerade das, was man ein Wohlfühlmovie nennt, aber ein Film, dessen Bilder nachleuchten und über den ich eine Weile nachzudenken haben werde.

Vor allem aber: Ich bin wieder einmal im Kino gewesen. Unbedeutend, ich weiss, diese meine 112 Minuten in diesem dunklen Saal in diesem dunklen Film in einer anderen Welt und einer anderen Zeit, ein kleines privates Freizeitvergnügen bloss, nichts als ein Fliegenschiss für die Menschheit, jedoch eine ziemlich grosse Sache für mich. Endlich wieder Kino. Dunkelheit. Leinwand. Knarzendes Gestühl. Magische Stimmung. Und: Action!

Kino: Filmpodium, Nüschelerstrasse 11, Zürich. 263 Plätze

Rückkehrsehnsuchtsfaktor: Hoch. Und zwar Kinos allgemein betreffend. I’ll be back!

Programm: Die Reihe «Film noir international» läuft noch bis Ende Juni mit zwanzig Neo-Noir-Streifen aus den Jahren 1967 bis 2018, etwa «Le Samouraï», «The Limey» oder «Suburra». «Get Carter» läuft noch einmal am 19. Juni um 21.15 Uhr

Funfact: Die «Get Carter»-Titelmelodie findet sich auch in einer Synthesizerversion auf dem Album «Dare!» von The Human League, 1981, und auf dem Album «Aluminium Tunes» von Stereolab, 1998