ICH WAR NOCH NIEMALS IN Friedental LU
Ich mag Friedhöfe, es sind friedliche Orte, deswegen heissen sie ja auch so, wie sie heissen. Der Friedhof Friedental an der Friedentalstrasse in Luzern macht da keine Ausnahme. Zwar zerschränzt dann und wann ein Düsenjäger vom nahen Militärflugplatz Emmen die Luft, die Autobahn rauscht sechsspurig der Reuss entlang und der Zug rumpelt und rattert durch den Berg Richtung Zug davon. Aber dies ist eben die Musik des Lebens.
Grundsätzlich aber ist es ruhig, hundefrei obendrein, Bänke laden zum Verweilen oder Lesen ein und es wird hier – anders als in den doch meist viel zu klein gedachten und von Freizeitmenschen arg strapazierten Parks und Grünanlagen unserer Städte – nicht Frisbee gespielt und nicht grilliert und keine Bluetooth-Boombox dröhnt und niemand wirft mit Sandalen an den Füssen mit Boule-Kugeln oder jongliert mit zuvor leergetrunkenen Rosé-Flaschen.
Am östlichen Rand des Friedhofs Friedental findet sich das Grab von Carl Spitteler, der heute Samstag Geburtstag hätte. Seinen 176. würde er feiern, aber eben: Er liegt schon ein Weilchen hier. Allerdings ist Spitteler den meisten Menschen kein Begriff mehr. Auf Instagram hat er keinen Account und sein Fanclub «Verein Carl Spitteler» hat dort auch nur 107 Abonnenten. Zwar gilt sein Versepos «Olympischer Frühling» unter Kennern als eine Vorwegnahme von Fantasy à la Tolkiens «Herr der Ringe», aber sogar die Buchhändlerin im sonst so satt und gut sortierten Laden meines Vertrauens meinte stirnrunzelnd, als ich nach seinen Werken verlangte: «Wer?» – «Carl Spitteler! Carl der Grosse!»
Ehrlich gesagt: Ich habe auch noch nie etwas Längeres von Spitteler gelesen, aber cool finde ich ihn trotzdem, denn er stammt aus dem Baselbiet, so wie DJ Antoine, David Degen und ich – und vor allem ist er der einzige gebürtige Schweizer, der den Literaturnobelpreis gewonnen hat (1919). Das ist eine Ehre, die auch nie wieder ein Schweizer und auch nie eine Schweizerin erfahren wird. Denn in diesem Land werden keine bedeutenden Bücher geschrieben. Ja, es gibt handwerklich geschickt gedrechselte Heimatnovellen, es gibt intellektuell getuntes Sackbillard vom Feinsten, es gibt sogar gut geplottete dystopische Thriller. Bedeutend aber ist dies alles nicht.
Der Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa hat es in einem Interview im «Tages-Anzeiger» so gesagt: «In einem Land, das so fortgeschritten und reich ist, schwindet die Dringlichkeit, die Realität und die Gesellschaft zu verändern – und genau diese Dringlichkeit macht grosse Literatur aus. Weltliteratur entsteht in Ländern mit grossen politischen und sozialen Konflikten. Warum sollten die Schweizer eine andere Welt verlangen als jene, die sie haben?»
Vom Grabe Spittelers geht der Blick wunderbar ins Rontal und auf den Rotsee. Es ist eine wahre Nobelpreisträger-Aussicht! Den Rotsee übrigens nennt man gerne auch «Göttersee», wenigstens in Sportlerkreisen, denn er ist der feuchte Traum aller Ruderinnen und Ruderer: Dieses von sanften Hügeln vor Wind geschützte Gewässer ist auch dank geringem Durchfluss äusserst strömungsarm und eignet sich deshalb bestens für Regatten. Man könnte sagen: Er ist wie die Schweizer Literatur, so klein und wohlbehütet und still und flach und niemals grosse Wellen werfend. Im Rudern können wir Schweizer*innen Weltklasseleistungen vollbringen. In der Literatur nicht. Deshalb wird Carl Spitteler für immer und ewig der einzige Hiergeborene sein, auf dessen Grabstein gemeisselt steht, in einer von der Capitalis monumentalis auf der Trajansäule in Rom inspirierten Schrift: «NOBELPREIS FÜR LITERATUR».
Happy Birthday, Carl Spitteler!
Zweitschönstes Zitat Spittelers «Wenn die Schweizer die Alpen selbst gebaut hätten, wären die Berge nicht so hoch geworden.» Meine seine Lieblingsphantasie: «den Gotthard mit allen Alpen mit Dynamit zu sprengen, damit wir italiänische Luft direct bekämen»
Die Lucerne Regatta auf dem Rotsee 21.–23. Mai, wohl ohne grosses Publikum, aber mit Livestream
Buch zum Thema «Geschichte des Todes» von Philippe Ariès, 848 Seiten, Hanser, 1980. Zurzeit vergriffen, man wende sich an Bibliotheken, etwa Schmiedehof Basel, wo ein Ex. zu finden ist, Signatur 171