ICH WAR NOCH NIEMALS IN Ermatingen TG
Das Dorf? Herrlich am Bodensee gelegen, am Südufer des Untersees, vis-à-vis der Insel Reichenau. Es gibt einen Hafen, Spitzen-Spazierwege, Rebberge, Schilfgürtel, idyllische Sonnenuntergänge und den für den Thurgau typischen würzigen Mix aus Riegelbauromantik, Landhausstil und KMU-Pragmatismus bis tief in den Ortskern. Die Einwohnerzahl beträgt 3521. Einer dieser Einwohner ist der Schlagersänger Roberto Blanco («Ein bisschen Spass muss sein»). Als er im Interview gefragt wurde, was ihn hergeführt habe, sagte er, es sei schön in Ermatingen, fügte aber lachend hinzu: «Und steuergünstig, ich gebs zu.»
Es ist kein Geheimnis: Zu den attraktivsten Sehenswürdigkeiten von Ermatingen gehört auch der hinreissend tiefe Steuersatz – und ein für Superreiche geldspeichertechnisches Wunder namens Pauschalbesteuerung: In der Schweiz nicht erwerbstätige Ausländer können davon profitieren. Ende 2018 nutzten dies 4557 Personen, die durchschnittlich gut 180’162 Franken Steuern ablieferten.
Nebst Blanco leben auch ein paar der Reichsten des ganzen Landes hier, etwa der deutsche Unternehmer Uwe Holy (Hugo Boss, schneiderte schon für SA und SS die Uniformen). Sein Vermögen wird auf 300 Millionen geschätzt. Noch mehr soll ein anderer Neo-Ermatinger besitzen: der österreichische Mercedes-Formel-1-Teamboss und -mitbesitzer Toto Wolff (700 Millionen). Zudem sind in den letzten Jahren gleich mehrere Autorennfahrer aus diversen Staaten zugezogen. In der Nähe lebt auch Sebastian Vettel (300 Millionen). Es scheint, dass Rennfahrer im doppelten Sinne Steuerkünstler sind, sich nicht nur mit dem Gas-, sondern auch mit dem Steuerfuss auskennen. Aber andere flüchten ebenfalls nach Ermatingen, in grosser Zahl gar, jedoch nicht vor den bös hohen Steuern in ihrer Heimat, sondern vor den tiefen Temperaturen des Winters: Vögel werden in Scharen angelockt. Das sogenannte Ermatinger Becken weist die grösste Flachwasserzone mit natürlichem Ufer des ganzen Landes auf. Es ist darum ein beliebtes Winterquartier für zig Vogelarten – manchmal kommen sogar Flamingos, wenn ihnen die Camargue zu öde wird.
Wo seltene Vögel sich niederlassen, sind ihre menschlichen Freunde nicht fern: Das Ermatinger Becken gilt als Paradies für Vogelbeobachter aller Art, etwa für diplomierte Feldornithologen*.
Als ich beim zur Gemeinde gehörenden Strandbad Triboltingen auftauche, sind dort denn auch drei Vogelfreaks an der Arbeit, linsen in der frischen Brise stehend durch ihre monokularen Beobachtungsfernrohre auf den See hinaus. «Ich hab ’nen Strandläufer!», ruft einer. «Wo?» – «Auf der Schlickbank.» – «Vordere Wasserlinie?» – «Ne, hintere Wasserlinie.» – «Ich seh ihn nicht.» – «Rechts, hinter den Pfeifenenten.» – «Ah, jetzt! Hatte sich versteckt.» – «Ja, an die Covid-Abstandsregeln halten die sich nicht.»
In der Tat stehen die Vögel dicht an dicht. Und es verwundert nicht, dass man Freizeitvogelforscher wird, denn Vögel sind immer in reichlicher Zahl vorhanden. Es ist ein niederschwelliges Hobby mit Satisfaktionsgarantie. Viel schwieriger wäre es, würde man sich zur Beobachtung von Erdferkeln, Nacktmullen oder Brasilianischen Baumstachelratten entschliessen.
Auch ich habe ein Fernglas dabei, mit dem ich auf den See äuge. Allerdings ist es bloss ein kleiner Billig-Feldstecher. Die Amateurornithologen schauen mitleidig auf meine kümmerliche Ausrüstung, bevor sie ihre Blicke wieder in ihre Hochleistungsspektive versenken, um die Vögel zu betrachten, die tun, was Vögel tun. Nach ein paar Minuten wird mir langweilig, die Kälte kriecht durch die Schuhsohlen. Ich verabschiede mich von den Vogelfreunden, die gerade ein neues Tier entdeckt haben. Ob es eine Schnatterente ist? Oder eine Kolben-, eine Krick- oder eine Pleuelente? Egal, denn: Ente gut, alles gut!
* Kantonale Kurse (anderthalbjährig, 2000 Fr. zzgl. Lehrmaterial): www.naturkurse.ch
Bäckerei vorhanden? Ja, eine Filiale der Walz Backkunst AG (sehr gut übrigens), Hauptstrasse 94
Metzgerei? Nein, aber Frischfischhandel des Familienbetriebs Fredy Fahrni, Schönhaldenstrasse 15
Resultat Gemeinde-Volksabstimmung «Steuerfusserhöhung per 2021 um 5% auf neu 45%»: 221 Ja, 527 Nein