ICH WAR NOCH NIEMALS IN Ebertswil ZH
In der Ferne im nebligen Dunst, einer Fata Morgana gleich, schimmert ein See und eine dunkle Skyline. Es ist die kapitalistische Oase Zug mit ihren Hochhäusern, dem Parktower, dem Obstverbandsturm und dem Untermüli-Skyscraper. Welch ein Kontrast zur Beschaulichkeit der Landschaft, von der aus der Blick nach Zug geht und in die Ebertswil eingebettet ist, ein Dorf mit 901 Einwohnern. Bauern machen sich an den Maisfeldern zu schaffen, Raubvögel kreisen mit ausgebreiteten Schwingen am Himmel und miauen ihr „hiäah!“, ein paar Hummeln sind auch noch unterwegs, besorgen brummend die letzten Geschäfte der Saison. Welch Frieden!
Das war nicht immer so, denn die Felder und Hügel um Ebertswil waren Austragungsort fürchterlicher Kämpfe zwischen Katholiken und Reformierten: der Schlacht bei Kappel. Im Oktober 1531 war der Boden blutgetränkt, die Luft erfüllt von Kanonendonner und den Schreien Verletzter mit abgeschlagenen Gliedern, heraushängendem Gedärm oder eingeschlagenen Schädeln. Hunderte liessen ihr Leben, darunter auch der blutdürstige Kriegstreiber Huldrych Zwingli. Doch erinnert man sich vor allem an die andere Schlacht. Nämlich die, die niemals stattfand, zwei Jahre zuvor, im Juni des Jahres 1529.
Das reformierte Zürich hatte damals schon den rückständigen Katholiken den Krieg erklärt, nachdem man in Schwyz einen reformierten Pfarrer verbrannt hatte. Man zog nach Kappel am Albis, um die Katholiken mit Feuer und Schwert zu überzeugen. Doch kam es nicht zum Kampf. Die Anführer der verfeindeten Truppen handelten einen Frieden aus. Das musste gefeiert werden, also kochte man eine Suppe, und zwar zusammen. Die eine Partei brachte die Milch, die anderen das Brot, gegessen wurde aus demselben Topf – geboren war die Legende der Kappeler Milchsuppe.
Zum Gedenken an dieses geschichtsträchtige Ereignis wurde ein Gedenkstein gesetzt, auf einer Erhebung hart an der Kantonsgrenze. Dass der Stein auf dem Boden von Ebertswil steht und nicht auf jenem der Suppe namengebenden Nachbargemeinde, dies hat wohl allein mit der grandiosen Aussicht des jetzigen Standortes des Steins zu tun. Die Suppe wurde wohl andernorts gegessen. Sei’s drum. Der Stein steht perfekt, mitsamt Bänklein und Brätelstelle, und erinnert uns an die essbare Version der Friedenspfeife, an den grossen Mythos, der auch von Albert Anker in einem Bild festgehalten wurde (98 x 137 cm, Kunsthaus Zürich, aktueller Status: nicht ausgestellt).
So aussergewöhnlich die Aussicht ist, so beschaulich die Landschaft und ruhig das Dorf Ebertswil erscheint: Immer wieder kommt es zu Gewaltausbrüchen. Im Jahr 1999 etwa wurde zum Gewehr gegriffen, es stand in der Zeitung. Der Jagdaufseher hatte Timi erschossen, den tausendfünfhundertfränkigen Angorakater der Familie Landolt, der laut dem Schützen im Wald rumstreunerte. Drei Jahre später stach im Streit eine alkoholisierte Dreiundfünfzigjährige ihren Freund nieder. Und vor acht Jahren wurde das Schwert gezückt. Der Grund: Zwei Jünglinge aus der katholischen Innerschweiz stiegen in Ebertswil in eine zur High-Tech-Indoor-Hanfplantage umgebaute Scheune ein, worauf ein zur Alarmanlage umfunktioniertes Babyphone den Besitzer im Nebengebäude weckte. Der stürmte die Scheune, stellte die Eindringlinge, in der Hand ein Samuraischwert. Es kam zum Kampf. Einer der Einbrecher wurde durch Schwerthiebe erheblich verletzt. Der Samurai aus Ebertswil bekam Gefängnis aufgebrummt. Dabei hätten sie, anstatt zu kämpfen, doch lieber friedlich eine mitternächtliche Milchsuppe angerührt. Oder wenigstens zusammen eine Tüte geraucht. Stoff wäre ja vorhanden gewesen, genug für alle. Dann hätten sie über eine Frage nachdenken können: Gibt es so etwas wie geografisches Karma?
Knapp 10 Liter Milch, 64 Eigelbe, gut 1,5 Liter Rahm. Salz.Gewürze.Brotwürfel.Milchköcheln.Dann Eigelb-Rahm-Mix aufgeschlagen einrühren. Würzen. Brotwürfel dazugeben. Fertig. Wie es schmeckt? Nun, kein Wunder, hat sich das Gericht nicht durchgesetzt. Besser ist die mit Käse aufgepimpte und als «Zuger Chäsmues» bekannte Version. Aber: Wie beim verwandten Fondue oder dem japanischen Nyotaimori («Body Sushi») ist der kollektive Verzehr nicht Corona-konform.