• März 2021

ICH WAR NOCH NIEMALS IN DER Länggasse, Bern, Teil 2

Das Spazieren ist dem Schrift­stellern nicht unähnlich, denn bei beiden Diszi­plinen ist eine gewisse Absichts­lo­sigkeit und ein nicht zu stark forciertes Tempo von Vorteil. Und so streift Christoph Simon einem Kater gleich durch sein Revier, die Länggasse – und wir folgen ihm. Was sich dem ortsun­kundigen Naivling bald erschliesst: «Die Länggasse» (gerne auch ohne «e» am Ende gerufen) ist keine Gasse mit Anfang und Ende, sondern bezeichnet ein ganzes Quartier, welches auch nicht lang, sondern je nach Deutung grösser oder kleiner ist.

Durch­schnitten wird das Quartier von der Länggass­strasse, welche Christoph Simon aber kaum je überschreitet. Als wäre die Strasse ein unüber­windlich schei­nender reissender Strom im Amazonas, blickt er auf das gegen­über­liegende Ufer. «Ich geh da nur rüber, wenn eine Abdankung ansteht. Oder zum Kerzen­ziehen.» Denn drüben liegt die auf das Pauluswort «Glaube, Hoffnung, Liebe» (1. Korinther 13,13) geweihte Kirche mit dem prägnanten Jugendstil-Turm und einer 2300 Pfeifen starken Orgel.

Von der Länggass­strasse zweigt ein dünner Nebenfluss ab, die Mittel­strasse, verkehrs­be­ruhigt, an schönen Tagen und lauen Abenden von Flanier­süchtigen bevölkert. Die Mittel­strasse sei so etwas wie das Herz der Länggasse, Dreh- und Angel-, Ausgangs- oder Endpunkt für kleinere oder grössere Abenteuer; vor allem der Abschnitt zwischen Gesell­schafts- und Zährin­ger­strasse, der anzusehen ist wie das Set eines Filmes, bei dem unklar ist, in welcher Zeit er spielt und ob es eine Komödie, ein Krimi oder doch ein Melodram von Rainer Werner Fassbinder wird. Eine Migrol-Tankstelle in der verkehrs­be­ru­higten Strasse? Ja, das gibt es, und schräg vis-à-vis gleich noch eine Zapfsäule von Ruedi Rüssel, wo man den Liter Diesel oder Super einen Rappen günstiger bekommt.

Christoph Simons Tankstelle ist die Caffè Bar Sattler. Gleich neben dem schmucken Lokal führt ein schmaler, dunkler Gang zu einem Hinterhaus, welches für manche heilige Pilger­stätte ist, wenn auch saisonal: Es ist die Geburts- und noch immer aktive Wirkungs­stätte der menschen­schlan­gen­her­auf­be­schwö­renden Gelateria di Berna.

Der Spaziergang geht weiter, führt in den Seidenweg, an der Krippe vorbei, in der seine Kinder alle Stufen durch­liefen («Regenbogen», «Wirbelwind», «Wolkenmeer»). Eine Motor­rad­werk­stätte evoziert Träume von Freiheit. Ein Haus wird auch geträumt, wenn auch leicht anders und zurzeit gar nicht: Im 3-Saal-Multiplex-Sexkino Corso («Deutsch gesprochen») bleiben coronabedingt die Hosenläden zu.

Die Länggasse ist ein Mix aus noblen Villen, bescheidenen Arbei­ter­häusern, Siebzi­gerjahre-Bauwut­zer­störung, Klein­gewerbe, studen­ten­ori­en­tierten Take-aways, legendären Konzert­lokalen (Bierhübeli), Beizen an verwun­schenen Ecken, Secondhand-Klamot­tenläden in verschwundenen negozi alimentari. Bäcker gibt es mehrere (einer neuerdings vegan) sowie Lehmanns Metzgerei, die nicht nur Fleisch der Charolais-Rinder AOP anbietet, sondern auch die weltbesten Fondue-Chinoise-Sossen herstellt, die Simon gerne während schlaflosen Nächten am kühlen Kühlschrank stehend aus den Töpfchen löffelt wie andere Joghurt. Sein Lieblingsaroma: Knoblauch.

Zu Simons täglicher Spazier­routine gehört ein Fixpunkt: das Bücher­bro­ckenhaus. Auch (aus welchen Gründen immer) von den Käufer*innen verlassene Exemplare seiner eigenen Romane finden sich dort, vier Stück in einer Reihe, gleich neben dem Gesamtwerk von Carl Spitteler (Nobel­preis­träger 1919). Einer heisst «Spazier­gänger Zbinden». Vier Franken später gehört er mir und verlässt das Quartier der mannig­faltigen Träume für immer.

Technische Daten des «gebräuch­lichen Quartiers»: 4847 Einwohner auf 0,31676 km2, Postleitzahl 3012 Anzahl Teesorten des Tradi­ti­ons­ge­schäfts Länggasstee, handgezählt per PDF: 580, darunter Sorten wie «Unver­mutete Begegnung» oder den raren Pu Er aus Yiwu, letzterer zum Kilopreis von Franken 8000 Simons Romane erschienen im Bilger­verlag. Die Gedichte bei edition merkwürdig. «Die Dinge daheim» bei edition taberna kritika. Live gibt es ihn mit «Der Subop­timist» in Bern (31.3.), Brig (9.4.) usw., so Virus will