• Februar 2021

ICH WAR NOCH NIEMALS IN Au SG

«Au», sagt der Duden, ist ein Ausrufewort und hat mehrere Bedeutungen. «Au» ist einerseits Ausdruck körperlichen Schmerzes («au, das tut weh!») oder wird bei schlechten Witzen als Reaktion verwendet («als ob die Pointe dem Hörer Schmerzen verursacht»). «Au» kann aber auch ein Ausdruck der Freude sein («au ja!; au [fein], das macht Spass!»).

Es gibt auch Ortschaften, die Au heissen. Eine findet sich im Kanton Zürich, die andere im Alpenrheinland. Während ich über das zürcherische Au nicht viel weiss (liegt am See, hat ’ne Halbinsel), ist das andere Au weit herum bekannt – wenigstens für eine Sache: Es besitzt den hässlichsten Verkehrskreisel des ganzen Landes.

Dies hat zumindest die Leser*innen-Umfrage einer Boulevardzeitung vor einem guten Jahr ergeben. Der Kreisel in Au mit dem Namen «Knotenpunkt» gewann mit dominierender Deutlichkeit. Das prämierte Kunstwerk besteht aus einem Haufen rostiger Metallröhren, welche kunstvoll ineinander verflochten und mit bedeutungsschwangeren Wörtern versehen sind: «Knoten-Punkt», «Arbeits-Platz», «Heimat-Ort» und «Lebens-Raum».

Gegenüber einer Zeitung meinte die für den Kreisel verantwortliche Künstlerin: «Das Kunstwerk soll die Gemeinde Au charakterisieren.» Nun weiss ich nichts über den Charakter der Auerinnen und Auer, sie sind sicher rechtschaffene Menschen, bestimmt. Doch etwas weiss ich, denn ich habe es mit eigenen Augen gesehen: Das Ding ist hässlich! Und wie! Viele meinen, der Kreisel sehe nicht aus wie ein «Knotenpunkt», sondern wie etwas anderes. Sowohl Farbe wie auch Form der Skulptur erinnern ganz eindeutig an ein Geschäft, eine Notdurft, einen gewaltigen Kackhaufen. Und ja, in der Tat, es braucht nicht viel Fantasie, um es zu sehen: als hätte sich ein dahergelaufener Riese erleichtert. Ein Monsterhaufen thront da am Ein- oder Ausgang des Dorfes und begrüsst oder verabschiedet die Automobilist*innen.

Das Kunstwerk ist eindrücklich anzusehen. Man kann den Blick kaum abwenden. Von woher man es auch anblickt, es entfaltet seine Kraft.

Doch stellt sich die Frage: Liegt es nicht in der Natur des Verkehrskreisels, dass er hässlich ist? Wohnt nicht allen der schweizweit rund 3000 runden Dingern eine Tristesse und Traurigkeit inne? Und ist es da nicht konsequent, wenn man nicht bloss ein weiteres Exemplar dieser hässlichen Dinger hat, sondern das Allerhässlichste? Ganz im Sinne von «wenn schon, denn schon»? Au besitzt schliesslich noch einen zweiten Kreisel, mit einem stilisierten Fluss und einer kleinen Holzbrücke. Der ist auch hässlich – aber hat über den je jemand berichtet?

So gesehen ist der kotige «Knotenpunkt» in Au ein Meisterwerk der «Ästhetik des Hässlichen», ein aufrüttelndes Oeuvre, dessen Aura lange Zeit noch haften bleibt.

Im Herbst des letzten Jahres wurde die Bevölkerung von Au zu ihrer Befindlichkeit befragt. Nun liegt die Umfrage vor. Es zeigt sich dabei ein Bild grosser Zufriedenheit. Die Mehrheit ist happy, etwa mit den Öffnungszeiten der Gemeindeverwaltung, mit der Unterstützung des Gewerbes oder mit dem Einsatz für «Ruhe und Ordnung».

Bei der Aussage «Ihr Wohnort hat ein schönes Dorfbild» jedoch variiert die Stimmung. Kaum jemand antwortete auf die Frage mit «Ja, trifft voll zu». Die grosse Mehrheit der Bevölkerung ist der Ansicht, dass dies «eher nicht» oder «klar nicht» zutreffe. Viele sehen gar «Handlungsbedarf».

Ob diese Unzufriedenheit mit der Ästhetik des Dorfbildes mit dem «Knotenpunkt»-Verkehrskreisel verstrickt ist, kann niemand sagen. Sicher aber ist eines: Man sieht das Kunstwerk und es kommt einem nur ein Wort in den Sinn: «Au!» (Im Dialekt gerne auch: «Oou!») Das ist doch genial, oder? Ein Blick, ein Gedanke. Standortmarketing at it’s best! «Au!»

Bäckerei? Mehrere! Gleich beim Kreisel der Künzler (sensationell: heisser Fleischkäse im St.Gallerbürli).

An der Industriestrasse 11: Die legendäre Feinbäckerei Guggenloch mit Fabrikladen (20% Rabatt)

Für Kreisverkehr-Fans Im Fotobuch «Roundabouts» von Andreas Züst aus dem Jahr 2003 dreht sich alles um Kreisel im In- und Ausland (Edition Patrick Frey, ISBN 978-3-905509-47-2)