ICH WAR NOCH NIEMALS IN Arschwald GL
Im Mai dieses Jahres schrieb ich an dieser Stelle über eine geografische Bezeichnung eines Ortsteils einer Kastralgemeinde im österreichischen Bezirk Braunau am Inn: Fucking nämlich. Fucking wurde gerne von humorvollen Touristen besucht, welche der englischen Sprache mächtig sind und dann und wann das Ortsschild als Souvenir demontierten. Auch der TV-Präsentator Jeremy Clarkson besuchte für seine Automobilsendung «The Grand Tour» Fucking, so wie auch die Ortschaften Wank, Kissing und Petting. Das Ziel dieser «Grand Tour» war übrigens Wedding.
Nun haben die Fuckinger genug. Sie benennen ihren Wohnort per 1. Jänner 2021 in ein völlig unverfängliches Fugging um. Damit sie ihre Ruhe haben.
Nicht nur Ortschaften besitzen Namen, die unter Umständen etwas seltsam klingen können, sondern auch Fliessgewässer (Saubach), Berge (Le Pissoir) und andere Landschaftsmerkmale, etwa Wälder.
So gibt es in der Schweiz gleich zwei Arschwälder. Einen findet man ob Amden im Kanton St. Gallen. Der andere liegt in einem seiner Enge und einer lokalen Sauermilchkäse-Spezialität wegen gerne «Zigerschlitz» genannten Tal, welches auch als Glarnerland bekannt ist, dort westlich oberhalb der Ortschaft Näfels (4021 Einwohner).
Reiner Zufall übrigens, dass in diesem Heft in der Woche zuvor mein geschätzter Kollege Thomas Widmer ebenfalls über diesen Wald schrieb – und aufklärte, dass der Name nichts mit dem menschlichen Hinterteil zu tun hat, sondern sich vom lateinischen Verb «ardere» ableitet (Partizip «arsus»), was brennen heisst – und so natürlich auch in einem Bezug zum menschlichen Hinterteil stehen könnte, etwa nach dem Besuch eines indischen Restaurants (Phaal-Curry mit Bhut Jolokia Chili), in diesem Fall aber ganz gewöhnliches Feuer meint. Im Arschwald wurde einst brandgerodet. Daher der Name. Alles ganz anständig also.
Nun, der glarnerische Arschwald ist zu Fuss mit zwingend gutem Schuhwerk ab dem Bahnhof Näfels in knapp zwei Stunden erreichbar (4 km, 600 Hm). Man kommt aber auch mit dem Auto hin, denn dort oben leben schliesslich Menschen. Voraussetzung für eine Anreise per Automobil ist allerdings ein gewisses Mass an Nervenstärke sowie ein funktionierender Rückwärtsgang. Und man nimmt besser nicht den Lamborghini Urus, denn die arg kurvenreiche Strasse fällt teilweise doch recht schmal aus.
Was kann man über den Arschwald sagen? Nun, bei meinem Besuch war es arschkalt. Aber auch verdammt schön. Und steil. Er ist ein idealer Ort für Freunde von Moosen, denen es in reicher Zahl im Arschwald zu gefallen scheint. Die Eichhörnchen tragen dunkle Pelzmäntel. Der Arsch ist ein typischer Top-Mischwald mit seinem 20’000 Arten umfassenden Ökosystem, von der Moos- und Krautschicht mit ihren Milben, Bakterien, Asseln und Springschwänzen bis hin zu den Baumkronen mit ihren Greifvögelbewohnern.
Aber kaum jemand wird allein des Arschwaldes wegen den stotzigen Weg aus dem Tal auf sich nehmen. Für die meisten ist er bloss einer von vielen Wäldern, durch die ein markierter Wanderweg führt. Die Ziele liegen anderswo. So kommt man etwa durch den Arschwald, wenn man via Boggenhöhi und Lochberg zum Obersee wandern möchte. Was durchaus lohnenswert ist, nicht nur wegen des dortigen Uferwegs und einer Bergbeiz mit Sonnenterrasse und «Zigerhöreli» auf der Karte. Die Beiz ist derzeit natürlich wegen Winterschlafs geschlossen; und der kleine Obersee war bei meiner Visite letzte Woche schwarzgefroren und einsam und ziemlich magisch anzusehen. Dazu trug auch der Hochnebel bei, der von der Sonne dann und wann durchbrochen wurde und den Blick auf den Brünnelistock freigab, um ihn alsbald wieder zu verhüllen. Ganz so, als zöge der Nebel kurz seine Hose runter, um sie sogleich wieder zu lupfen.
Rückkehrsehnsuchtsfaktor:›1000+
Mitbringsel Fleisch: Kalberwurst von der Metzgerei Fischli (seit 1920), Bahnhofstrasse 1, Näfels
Mitbringsel Vegi: Glarnerpastete von der Konditorei Müller (seit 1920), Bahnhofstrasse 11, Näfels.
Oder Glarner Alpziger von der waldnahen Alp Änziunen, erhältlich etwa auch im Käseladen Wirth’s Huus, Basel