ICH WAR NOCH NIEMALS IM... Weiertal ZH
Wäre ich ein Goldfisch, ich zöge sofort nach Winterthur. Genauer zöge es mich dort an einen Ort etwas ausserhalb des Zentrums. Er liegt im wilden Westen, bei der Aussenwacht Neuburg, Richtung Pfungen, an der Rumtalstrasse. Dort findet man zwei Teiche, seerosengesprenkelt, der eine grösser und stolz, der andere kleiner und unscheinbar, beide lauschig gelegen in einem schönen Garten mit üppig Baumbestand.
Dort würde ich hinziehen, wäre ich ein Fisch. Denn wie utopische Hochhäuser ragen aus der Oberfläche des kleineren Teiches in der Sonne blitzende Türme aus Glas. Als wäre das versunkene Atlantis als kubistisch minimalistische Version hochgefahren.
Erbaut haben diese transparente Stadt zwei Künstler: Die aus dem nahen Osten (Münsterlingen) stammenden und heute in Zürich lebenden Zwillingsbrüder Reto und Markus Huber (*1975), die unter dem Label huber.huber wirken. Sie forschen in ihrer Arbeit seit über fünfzehn Jahren an der Schnittstelle Mensch und Natur – Tiere und Pflanzen oder Kristalle und Findlinge prägen ihr multimediales Oeuvre, zu dem auch Skulpturen gehören, wie etwa das hier beschriebene Werk mit dem Titel «Funktionale Verstädterung – Städte voller Glück».
Dass die gläsernen Türme gerade auf diesem Teich errichtet wurden, ist kein Zufall, denn dessen Bewohner beschäftigen die Künstler schon eine Weile. Er ist nämlich von Goldfischen bevölkert. Und der zur Familie der Karpfen gehörende Goldfisch ist ein spezielles Wesen: Er ist nicht nur der wohl populärste Süsswasserfisch abseits der Speisekarten, sondern auch das älteste Haustier, welches ohne ersichtlichen wirtschaftlichen Nutzen gezüchtet wird. Er gibt keine Milch. Man macht keine Würste aus ihm. Man kann ihn nicht vor den Karren spannen. Sein einziger Sinn besteht darin, schön zu sein und so die Menschen zu erfreuen, dies aber schon seit über tausend Jahren. In China entdeckte man natürliche Mutationen von Karpfenfischen, goldene und rötliche, und man begann damit, diese gezielt durch Selektion herauszuzüchten. Diese Bestrebungen reichen zurück in die Tang-Dynastie (618-907), wobei der Besitz von goldenen Exemplaren spätestens während der Song-Dynastie (960–1279) der kaiserlichen Familie vorbehalten war. Heute ist der Besitz von Goldfischen jeglicher Couleur demokratisiert, die Anschaffung und Haltung günstig, zudem ist das Tier langlebig, robust und ein von Natur aus mit einem gesunden Appetit versehener Allesfresser.
Die Goldfische im Weiertal lieben die Hochhäuser und nehmen die Einladung der Künstler zur Belebung der transparenten Behausung gerne an. Der Grund dafür ist simpel: Das Wasser in den oben verschlossenen und unter der Wasseroberfläche jedoch offenen Kuben erwärmt sich schneller als im schlammtrüben Teich. Zudem scheinen die Tiere die Aussicht zu geniessen. Gesellig steigen die Goldfische im Schwarm aus der seichten Tiefe empor, ganz so, als führen sie mit dem Lift in den 25. Stock eines Hotels, um dort die Wellnessanlage zu besuchen. Neugierig schauen sie durch die gläserne Fassade in die Welt hinaus, erfreut über die plötzliche Übersicht, glotzen die an, die sie anglotzen. Der Mensch und sein vor tausend Jahren von ihm geschaffenes Geschöpf: Hier treffen sie sich auf Augenhöhe.
Wenn dann die Sonne wieder schwindet, das Wasser in den Kuben sich abkühlt, lassen sich die Goldfische herabsinken, kehren unter die Wasseroberfläche und in den eigentlichen Teich zurück. Die gefluteten gläsernen Hochhäuser im Weiertal stehen dann leer. Ganz so wie ihre Business-Pendants in der richtigen Stadt. Seelenlose Gebilde in der Nacht.
Wäre ich ein Goldfisch, ich schliefe nahe des Grundes in einem Teich im Weiertal und träumte von sonnigen Tagen und hohen Häusern aus Glas.
«VORÜBER_GEHEND – Idylle und Künstlichkeit» lautet der Titel der 7. Biennale Weiertal, kuratiert von Luciano Fasciati, die 20 Künstler*innen mit ortsspezifischen Arbeiten zeigt, nebst huber.huber etwa Not Vital oder Roman Signer. Infos: www.galerieweiertal.ch
«Widersprüchliche Bewegungsreize» heisst das neuste Buch von huber.huber, 321 Seiten, ISBN 978-3-907236-02-4; erschienen bei Edition Patrick Frey