ICH WAR NOCH NIEMALS IM Pavillon Sicli in Carouge
Vor Jahren schrieb ich eine Kolumne, in der ich forderte, dass alle Architekten des Landes eingesperrt gehörten. Schon während des Schreibens sah ich die Ungeheuerlichkeit und auch Unmöglichkeit dieser Forderung ein (denn wer würde etwa all die Knäste für die neuen ETH-Abgänger*innen bauen, wären die Architekt*innen alle eingesperrt?). Ich kam zum Schluss, dass es wohl genügte, wenn jeder Zweite hinter Gitter käme. Wofür? Für die architektonischen Verbrechen, die unsere Landschaft verunstalten. Man schaue sich nur um! Sogar ein Mensch mit starker Halsstarre und Bindehautentzündung sieht mit einem Blick: Es ist ein Grauen!
Das fanden damals nicht alle lustig. Manche nahmen mir dies sogar richtig übel. Einen ganzen Berufsstand zu verunglimpfen wegen ein paar schwarzen Schafen! Manche meinten, die Kunden gehörten eingesperrt, denn deren schlechter Geschmack verlangte nach diesem Ekel. Und vor allem die Immobilienheinis mit ihrem Gewinnoptimierungswahn! Aber wie gesagt: Es war ja nicht wirklich ernst gemeint. Denn ich habe nichts gegen Architekt*innen – im Gegenteil! In meinem Freundeskreis gibt es sogar signifikant viele, die diesen Beruf ausüben – und im Gegensatz dazu beispielsweise kaum Journalist*innen. Oft schon habe ich mich gefragt, weshalb dem so ist. Eine These: Architekt*innen sind tendenziell interessante Menschen, mit denen man gute Gespräche führen kann, da ihr Beruf es mit sich bringt, dass sie über viele Dinge des Lebens ernsthaft nachdenken müssen: Geschichte, Ästhetik, Soziales, Politik. Journalist*innen hingegen zeichnen sich dadurch aus, keine richtige Ausbildung zu haben, dafür aber zu allem eine Meinung, insbesondere über jene Dinge, von denen sie nichts verstehen. Wenn es um Meinungen geht, sind Journalist*innen dann und wann wie Lucky Luke, der schneller zieht als sein Schatten: Bevor eine Frage auch nur formuliert wird, ist sie schon beantwortet. So kann sich ein Journalist etwa über Architektur äussern, eine Meinung absondern, ohne von Architektur auch nur den blassesten Schimmer zu haben.
Wo waren wir? Genau: Architektur! Sie ist furchtbar, schrecklich, abscheulich; aber sie ist dies nicht grundsätzlich. Längst nicht alle Gebäude sind schlimm. Richtig gute Architektur besitzt sogar die Fähigkeit, mich zu begeistern und in meinem Herzen leise eine Blasorchester-Jubelfanfare erklingen zu lassen. So war ich richtiggehend verzückt, als ich in Carouge (wegen seiner Bohemienszene «Greenwich Village von Genf» genannt) zufälligerweise an der Route des Acacias 45 vorbeikam und ein Gebäude erblickte, das wie ein eben gelandetes UFO sich in die urbane Landschaft duckte. Es ist der Pavillon Sicli. Erbaut im Jahr 1969 von Heinz Isler, dem Godfather of concrete shells, dünnhäutigen Betonschalen, die sich hoch und weit spannen und auf wenigen Punkten nur auf dem Boden aufliegen. Die meisten werden von Heinz Isler wohl die ikonischen Schalen der Autobahnraststätte Deitingen-Süd an der A1 (mit Cindy’s-Filiale, früher Silberkugel) kennen oder die Migros-Filiale an der Piazza Rinaldo Simen in Bellinzona oder das Gartencenter Bürgi in Camorino.
Der elegante Pavillon in Carouge war einst Sitz der Firma Sicli, die dort Feuerlöscher herstellte (der Name ist ein Akronym für «Secours Immédiat Contre L’Incendie»). Heute wird das denkmalgeschützte Gebäude vielfältig genutzt, für Ausstellungen oder Performances etwa, im Untergeschoss ist Genfs Archiv für zeitgenössische Architektur untergebracht.
Es gibt sie, die schönen Gebäude. Die, die uns lächeln lassen. Sehen wir sie an und die anderen nicht, auch wenn man ziemlich oft die Augen verschliessen muss. Vielleicht gefallen mir Heinz Islers Bauten ja auch aus einem ganz einfachen Grund so gut: weil er gar kein Architekt war, sondern Ingenieur?
Mehr Infos über aktuelle Aktivitäten im Pavillon Sicli: www.pavillonsicli.ch
Buch Im vdf Hochschulverlag AG an der ETH Zürich erschien 2002 die Publikation «Heinz Isler Schalen» von Ekkehard Ramm und Eberhard Schunk, 112 Seiten, zahlreiche Abbildungen