• August 2021

ICH WAR NOCH NIEMALS IM Grand Risoux VD

Dichtestress! Man hört es immer wieder. Das Land ist voll, alles ist zu eng! Auch hier im Grand Risoux herrscht Dichtestress, auch wenn er nur die Bäume betrifft, das Gebüsch, das Unterholz. Von dem gibt es so viel, dass die Natur ein einzig Dickicht ist, in dem sich nicht nur der Blick verlieren kann. Menschen sind hier die Ausnahme. Deshalb ist der Grand Risoux pure Wellness für Menschen, die Probleme mit zu vielen Menschen haben.

Der Grand Risoux ist ein Wald im klimatisch rauen Vallée de Joux, dem seengespickten Hochtal im Waadtländer Jura, welches von der mäandernden Orbe durchflossen wird. Das Besondere an diesem Wald: Aufgrund geologischer Gegebenheiten lässt er sich nur schwerlich zähmen und mühsam bewirtschaften, weshalb er auch heute noch urtümlich wild ist – er gilt nicht nur als einer der grössten Wälder des Landes, sondern auch als einer der schönsten.

Bei Le Brassus gehe ich los, dem kleinen Ort, an dem die Eisenbahn endet (oder beginnt, je nach Betrachtungsweise). Bald lasse ich die Häuser hinter mir, auch die grosse Fabrik im Dorfzentrum, in der die Firma Audemars Piguet ihre Uhren baut, die gerne von den Reichen und Mächtigen dieser Welt getragen werden (Beispiel: Modell Royal Oak, in Gelbgold mit ewigem Kalender, ab 99’000 Franken). Schon bald verschwinde ich im Wald. Über weite Strecken führt der Weg nun auf einer Forststrasse, von der ein Abweichen unmöglich scheint – und vor allem auch nicht ratsam ist. Wie ein in die Natur gelegter Laufsteg schlängelt sich der Weg durch den vor allem aus Fichten bestehenden Tann. Und als ich einmal das Strässchen verlasse, um ein hoffentlich lohnendes Foto zu schiessen, ist ein Vorankommen bald mühsamst: Der Boden schartig, schrundig und überwuchert von Moos und Farn und dornenreichem Gebüsch. «Ein Königreich für eine Machete», murmle ich, als der Wald mich verschluckt, ich nichts mehr sehe als Grün in all seinen Schattierungen. Der Risoux macht klar: Er ist kein Kuscheltier und will kein Kumpel sein. Er ist wild und stark. Der Mensch hat hier nichts zu suchen. Den sicheren Weg aus den Augen verloren beschleicht mich eine leise Angst. Die Angst vor dem Märchenwald, in dem man sich verirrt, der Geheimnisse und Gefahren birgt – und der mehr Einsamkeit bereithält, als ein Mensch auszuhalten imstande ist. Zurück auf dem schmalen Weg mit seinen Wegweisern ist mir dann wieder wohler. Zügig gehe ich weiter, rhythmisch klacken die Spitzen meiner Wanderstöcke (Black Diamond Distance Carbon Z, 275 Gramm das Paar, 159 Franken) wie Taktstäbe, als ob ich damit das undisziplinierte und unsichtbare Orchester der Vögel zu dirigieren versuche.

Auch speziell am Grand Risoux: Wegen seines karstigen Bodens haben die Bäume ein karges Leben. Sie wachsen so langsam wie kaum irgendwo, deshalb aber ausserordentlich gleichmässig, was sie zu idealen Lieferanten von sogenanntem Klangholz macht, aus dem sich vortrefflich etwa Geigen bauen lassen.

Als ich wieder aus dem Grand Risoux komme, sagt meine Uhr (die leider nicht aus diesem Tal stammt): Ich bin sieben Stunden im Wald gewesen – inklusive Pausen, vor allem am Aussichtspunkt Roche Champion lohnt sich ein Verweilen, denn der Blick von dieser Felsenkanzel geht weit. Menschen begegnete ich in diesen sieben Stunden exakt zweimal: einem Vater mit seinem Sohn (beide mit Rucksäcken, der Sohn, wohl etwa zwölf Jahre alt, mit wenig euphorischem Gesichtsausdruck) sowie einem Jogger. Das macht 0,2857 Humanbegegnungen pro Stunde. Eine hierzulande wohl nur schwer zu schlagend tiefe Quote. Und als ich abends wieder im Zug sitze, ist noch viel Stille in mir. Bloss die Füsse melden sich, meckernd, maulend, jammernd. Sie beklagen den Dichtestress in den Wanderschuhen. Man kann es eben nie allen recht machen.

Technische Daten: Le Brassus – Roche Champion – Mézery – Le Brassus. 21 km, 580 Hm, 33’422 Schritte

Rückkehrsehnsuchtsfaktor: Sehr hoch. Aber nächstes Mal vielleicht mit dem Gravelbike? Oder winters mit Langlaufski oder Schneeschuhen. Diesbezügliche Wegweiser locken bereits

Survivaltipp: Es gibt unterwegs keine Imbissbuden oder Getränkekiosks, und ich zählte exakt null Brunnen