ICH WAR NOCH NIEMALS IM Corona-Impfzentrum Triemli
Als ich aus dem Gebäude kam, schien die Sonne golden und die Blumen auf der Wiese strahlten leuchtend, als wären sie genmanipuliert. Das Blau im Himmel? Beinahe frivol! Gut, das Gebäude war nicht wirklich das, was man ein Gebäude nennen kann, sondern bloss ein weisses, langes Zelt. Es hat wohl schon viele Leben als Festzelt hinter sich, an welchen Hundsverlocheten oder Kirmessen auch immer, wo der Zuckerwattenwind wehte und sich mit dem Bratwurstduft vermengte, Autoscooter rumsend ineinander bumsten, während Schlager oder Pop oder Schlagerpop sich überschlagend aus Lautsprechern hämmerte und es von der Schiessstandbude her scharf klang.
Solche Chilbi-Feste gibt es seit einer Weile bekanntlich nicht mehr, wie so viele andere Dinge auch, von denen man gedacht hätte, sie niemals zu vermissen, bis man sie dann doch vermisste. Da ist das weisse Zelt nun sicherlich froh, dass es gerade zwar keine Dorffestsaufbrüder und -schluckschwestern beherbergt, aber einen anderen Zweck erfüllt beim Triemli-Spital in Zürich.
Zwar schien die Sonne bereits, als ich das Impfzentrum betrat, so wie auch die Blumen im Feld grinsten und der Himmel blau war, dennoch: Es gab da einen gewissen Unterschied. Der Unterschied heisst «davor und danach» – oder besser gesagt: «dazwischen».
Dazwischen geschah etwas. Es dauerte nicht lange, im Grunde nur Sekunden: Der Piks, die Impfung, deren Ablauf ziemlich speditiv war. Es gab keine Warteschlange vor dem Eingang. Es gab überhaupt kaum Wartezeit (bloss handgestoppte 1’35” zwischen Antrittsgespräch und der eigentlichen Impfung). Das Personal war – trotz Montag – gut gelaunt und freundlich. Kein Stress. Alle zuvorkommend. Wäre ich hauptberuflich Corona-Impfzentrum-Kritiker, ich hätte nichts auszusetzen gehabt, Note 6+ für die Triemli-Leute; und ich bekam fast ein bisschen Hunger, als eine Angestellte gegenüber einer Kollegin vom feinen Kantinenessen schwärmte, vom Baba Ganoush, welches sie eben verspeist hatte, und dem Stück Erdbeertorte danach. Es klang ein wenig nach Schlaraffenland.
Gut, man könnte an der «Architektur» des Impfzentrums herummäkeln, an deren partiellen Schäbigkeit, doch hat dieser pragmatische und spontane Zeltplanen-Stil auch etwas Beruhigendes, denn die dadurch vermittelte Botschaft lautet: Das ist das Gegenteil einer Kathedrale! Nicht für die Ewigkeit gebaut, sondern schnell errichtet – und es kommt auch so bald wie möglich wieder weg. Zudem: Die Stühle im Wartebereich sind zwar keine Designerstücke, jedoch mit optionalen Sitzkissen ausgestattet.
Die Impfung an und für sich ging ratzfatz und erzeugte keinerlei Schmerz. Verglichen mit dem letzten Corona-Test in der Apotheke in Bellinzona (einer höllengleichen Reise des Stäbchens im weitverzweigten Höhlensystem des Schädels, welches durch das Nasenloch zu erreichen ist – derart, dass man sich fragen musste, ob dort vielleicht nicht doch ein 5-G-Chip hinter dem Kleinhirn deponiert wurde) war es nichts als ein Wimpernschlag.
Nach der Vakzination bekam ich eine auf fünfzehn Minuten eingestellte Eieruhr in die Hand gedrückt und setzte mich auf einen Stuhl in der «Überwachungszone». Es gab Mineralwasser mit und ohne Kohlensäure und Traubenzuckerlutschpastillen sowie einen Blick auf die Wiese, wo ein Rabe zwischen dem Löwenzahn umherhüpfte.
Die Eieruhr klingelte. Handgestoppte 19’27” dauerte der Vorgang von Betreten bis Verlassen des Impfzentrums. «Danach» war ich zwar derselbe Mensch wie «davor», ein Zweiundfünzigjähriger mit saisonal exacerbierendem Asthma bronchiale, ausser dass ich nun 0,3 Milliliter Impfstoff mit dem Namen Comirnaty von Pfizer/BioNTech intus hatte – und mit ihm den aufkeimenden Glauben, dass das normale Leben vielleicht nicht sofort wieder zurückkehrt, aber doch zu grossen Teilen und erstaunlich bald.
In einem Monat geht es zum zweiten Impftermin. Ich hoffe, dass bis dahin schon so viele Menschen wie möglich geimpft wurden und die Reise für uns alle beginnt, eine Reise, die vorwärts in die Vergangenheit geht. Wir alle sollten uns bald wieder an Begrüssungen per Handschlag oder inniger Umarmung gar gewöhnen. Der Sommer? Ich kann ihn riechen.