ICH WAR NOCH NIEMALS AUF DEM Witzweg im Appenzellerland
Humor ist wie Landschaft. Auch er hat eine Topografie. Oft ist er flach wie die Steppe in Kasachstan, manchmal ist er tief wie der Lago Maggiore.
In letzter Zeit war es für den Humor eher schwierig, es weht ein strenger Wind. Denn nicht selten gehts bei Humor um Verunglimpfung oder Abwertung anderer – und viele haben die Schnauze voll davon, dass auf ihre Kosten Witze gemacht werden, manche zu Recht, andere weniger. Politiker:innen beispielsweise müssen mittels des Werkzeugs Humor von Normalbürger:innen reflektiert werden. Auch andere Aspekte des Alltags verlangen danach, denn der Humor ist ja nichts anderes als die süsse Ummantelung der bitteren Pille namens Realität. Humor bewahrt uns davor, am Leben zu verzweifeln.
Im Appenzellerland pflegt man seit jeher ein spezielles Verhältnis zu Witz und Satire, so sehr, dass der kantonale Umgang damit in das Unesco-Inventar des immateriellen Kulturerbes der Schweiz aufgenommen wurde (so wie 199 andere Dinge unseres Landes ebenfalls, etwa die Räbeliechtli-Umzüge).
Nun denkt man eventuell: Appenzell und Humor? War da nicht was? Frauenstimmrecht? Doch das Appenzellerland ist eine wahre Wundertüte. Wirtschaftlich etwa, bei Firmenneugründungen: top! Und auch das Leben weiss man zu geniessen, auch wenn die Obrigkeit dies nicht immer duldet. Erst vor wenigen Tagen stürmte die Kantonspolizei im innerrhodischen Oberegg eine Drogenparty: Vierzig Menschen auf LSD und anderen psychoaktiven Substanzen, die sich in einem Haus tummelten.
Im Nachbarort von Oberegg beginnt eine andere Appenzeller Innovation: der Witzweg, die Verschmelzung von zwei Ressourcen, über die man im Übermass verfügt: schöne Landschaft und Juxerei. Vom Biedermeierdorf Heiden führt die sehr gut ausgeschilderte Strecke bis nach Walzenhausen. Vierzig Tafeln mit (jugendfreien) Witzen säumen den Weg. Beispiel: «‹Wer kann mir sagen, was das eidgenössische Bundesgericht ist?›, will der Lehrer wissen. ‹Geschnetzeltes mit Röschti›, ruft Hansli.»
Der Witzwegquert dabei die ausserrhodische Ortschaft Wolfhalden, 1851 Einwohner, 277 Milchkühe, 5713 Konsumeier produzierende Hennen, 5 Emus, wunderbar mit Weit- und Tiefblick über dem Bodensee gelegen. Vor zwanzig Jahren wollte der einstige Formel-1-Champion Michael Schumacher sich hier eine Villa bauen, scheiterte jedoch mit seinen gross gedachten Bauplänen am Bundesamt für Raumentwicklung.
In Wolfhalden lebt dafür der Rentner W. Z., der zur Weihnachtszeit vor zwei Jahren ein Paket an eine Politikerin sandte, genauer an Christa Markwalder von der FDP. In dem Paket war ein Geschenk der besonderen und ganz und gar humorlosen Art: ein Henkerseil sowie eine handschriftliche Aufforderung, dieses doch bitte zu benutzen. «Wie Sie sich aufgeführt haben ist eine Frechheit. Kriminell! Fassen Sie sich Mut und erhängen Sie sich», regte W. Z. an. Der Grund für das Henkerseil? Markwalder habe in der «Weltwoche» behauptet, Ignazio Cassis sei der schlechteste Bundesrat, den die Schweiz in 728 Jahren gehabt habe. Und der Witz an der Sache: Markwalder hat dies gar nie behauptet, der Wut-Opa hatte sich schlicht verlesen.
Da halten wir uns lieber an die Witze des Witzwegs: «Ein Deutscher kommt ins Appenzellerland und möchte wissen, ob Appenzeller wirklich so schlagfertig sind, wie man überall erzählt. Er fragt einen Kleinen auf der Strasse: ‹Du, Kleiner, hast du nicht gerade ein Auto voll Affen vorbeifahren sehen?› Darauf der Kleine: ‹Warum, bist du rausgefallen?›»
Länge Witzweg: 8 km, 213 m hoch, 332 m runter. Schwierigkeitsgrad: leicht. Ausgeschildert. Grillstellen und WCs vorhanden, «Födlebotzbapeie» ebenso. Ist in beide Richtungen begehbar
Bäckerei? Ja! Bäckerei Hecht an der Hechtgasse 19 in Wolfhalden. Spezialität: Biber und Wolfszungen. Auch ausserhalb der Öffnungzeiten kann man aus der Outdoorgefriertruhe selbst gemachte Glace erstehen
«When I Was Younger» heisst ein Song des Appenzellers Benjamin Amaru. Einfach damit man mal hört, wie der Kanton auch noch klingt