ICH WAR NOCH NIEMALS … auf dem San Bernardino GR
Blödsinn. Natürlich war ich schon auf dem San Bernardino. Sogar mehr als einmal. Ja, es gibt wohl keinen anderen Pass, auf dem ich öfter war. Aber noch niemals warich dort oben als Zuschauer eines Radrennens. Ich weiss, nun verdreht Frau M. aus F. die Augen. Sie schrieb mir kürzlich, dass sie mit meinem Velozeugs partout nichts anfangen könne, ich solle mich diesbezüglich doch bitte zügeln. Aber: sorry. Ich kann nicht anders. Denn das Velofahren ist einfach zu schön. Und als ich las, dass der Giro d’Italia auf seiner zweitletzten Etappe einen Schweizerschlenker einlegen werde und über den San Bernardino komme, schnappte ich mein Rennvelo, um das Spektakel anzusehen.
Der San Bernardino ist vielleicht so etwas wie mein Lieblingspass, was vielerlei Gründe hat. Zum Beispiel führt der Weg zu ihm von den Palmen im Süden wie durch ein Vegetationsstufenmuseum hinauf und hinauf und hinauf und schlussendlich in eine Landschaft hinein, die so karg ist, dass sie exterrestrisch sein könnte. Vor allem aber sind es ein paar Kurven und Serpentinen im oberen Abschnitt, die es mir angetan haben, wahre Dessert-Schlaufen, die einen die Landschaft aus immer anderen Blickwinkeln erfahren lassen, besonders dort, wo wie Riesenpilze aus Beton die Lüftungsbauten des Strassentunnels aus dem Erdreich ragen.
Beton und Teer gehören beim Rennvelofahren dazu. Kann man beim Wandern etwa ganz und gar mit der Natur verschmelzen, so verliert man beim Gümmelen nie den Strassenbelag unter seinen Rädern – und somit auch nicht den Bezug zur Realität. Man ist zwar in der Natur, bleibt jedoch immer der sich mit mehr oder weniger Tempo durch sie hindurchbewegende, distanzierte Betrachter.
Ich fand dann einen schönen Platz, um auf den Giro-Tross zu warten. Etwas unterhalb skandierte der Peter-Sagan-Fanclub sein nie abschwellendes Mantra («Peter Sagan! Peter Sagan! Peter Sagan!»), andere bimmelten mit Kuhglocken, man spähte in die Ferne und wartete auf das, was kommen würde, einer fuhr aus Jux und unter Gejohle auf einem Dreirad runter, und der Mann vom Regionaljournal hielt sein pelziges Mikrofon hin und fragte: «Wieso, weshalb, warum?»
Als sie dann kamen, die Profis, anderthalb Stunden später, angekündigt durch den Lärm der Helikopter, eskortiert von Polizeitöffs und hupenden Autos, ging alles sehr schnell. Die Spitzenreiter schossen vorbei, gejagt von den Verfolgern, dem dezimierten Feld, dann folgten die abgehängten Fahrer, alleine oder in Kleingruppen, irgendwann keuchte auch Peter Sagan vorbei. Am Ende noch die Ambulanz und der Wagen mit der Aufschrift «Fine gara ciclistica» – und vorbei war es.
Ich fuhr wieder talwärts, so wie die anderen auch, ein sirrender Riesenvelowurm, alle auf dem Weg nach Hause, um dort wohl den Schluss der Etappe im TV zu schauen. Abends dann, bei einem Teller Pasta und einer Flasche Wein, würde man sich an das Erlebte erinnern – und in dieser Erinnerung würde die Geschichte der Helden mit der eigenen verschmelzen (schliesslich war man dieselbe Strecke gefahren, wenigstens ein Stück und fast halb so schnell). Und man fasste den Entschluss und bekräftigte ihn sogleich, baldmöglichst wieder zu tun, was man getan hatte, es war einfach zu grossartig gewesen! So ging es mir jedenfalls; in der Nacht schlief ich sehr gut.
Übrigens: Wie (fast) alles im Leben hat auch der San Bernardino zwei Seiten. Die Auffahrt von Hinterrhein ist zwar vergleichsweise kurz, aber trotzdem lohnenswert. Fährt man jedoch von Chur her durch die Viamala an, kommt man auf 72 Kilometer mit knapp 1900 Höhenmetern.
Da fällt mir ein: Diesen Weg bin ich mit dem Velo noch nie gefahren. Höchste Zeit also, dies zu tun. Doch ich kann Frau M. aus F. beruhigen, ich werde es dann für mich behalten.
San-Bernardino-Pass: Von Bellinzona: 52,1 km und 2006 Hm. Must-Stopp: Panetteria Cuoco in Mesocco
Heute: Start der 108. Tour de France in Brest; 21 Etappen; 3414,4 km; 50’824 Hm; leider ohne Abstecher in die Schweiz, aber nach Andorra, wo die 15. Etappe über den Höhepunkt der Tour führt – den Port d’Envalira (2408 m)… soll aber keine Schönheit sein… ich schau mir das lieber gemütlich am TV an