• Juni 2021

ICH WAR NOCH NIEMALS auf dem Monte Generoso TI (Teil 2)

Der Monte Generoso ist mir selbstverständlich schon seit langer, langer Zeit wohlbekannt, wenn auch nicht als ein 1701 Meter hoher Berg der Tambogruppe, sondern als Kuchen, der bei Kindern und deren Eltern beliebt ist, denn er ist süss (3680 Kilokalorien pro Kilo) und kostengünstig (5 Franken pro Stück/380 Gramm). Ein Cake in charakteristischer Dreiecksform mit Biskuit- und Vanillespezialcreme-Füllung sowie eingebauter E-Party*. Vom Design her ist der Monte Generoso eine Meisterleistung der neuen Naschlichkeit, streng und mürbe zugleich, formal vollendet und inhaltlich vielschichtig, die mit Kirschwasser aromatisierte Schokoglasur ist zudem garniert mit grünen Zuckersprengseln, die sowohl an so etwas wie Natur, aber auch an die in den 1980er-Jahren der Postmoderne huldigende Mailänder Designergruppe Memphis erinnern.

Aber eben: Es gibt nicht nur den Kuchen, sondern auch einen Berg, der diesen Namen trägt, und auf dessen Spitze führt vom Gestade des Luganersees die berühmte Zahnradbahn seit über hundertdreissig Jahren schon. Einst mit Dampf, später mit Diesel, heute mit Strom. Die Verbindung zwischen Kuchenanbieterin Migros und dem befahrbaren Berg: Gottlieb Duttweiler hat die Bahn 1941 gekauft, als der damalige Besitzer nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wirtschaftlich ins Straucheln geriet, den Bahnbetrieb einstellte und das Eisen der Geleise verhökern wollte, damit man daraus beispielsweise Kanonen giessen konnte. Aber eben: Dutti hat die Bahn gerettet, und seither ist sie Teil des kulturellen Engagements der Migros.

Es existiert noch eine Verbindung zum Detailhändler: Wie eine Supermarktfiliale wird auch der an der Talstation wartende Zug in seinem Inneren beschallt, mit «heisser» Housemusic, was schlimme Befürchtungen weckt: Was erwartet einen wohl erst, wenn man oben ankommt? Ischgl-Remmidemmi?

Doch dann erstirbt der Sound, die Bahn fährt los, bald geht es zügig hoch, jäh ist der Abgrund, steil die Strecke, Blicke tun sich auf, tief und weit. Obwohl es ein normaler Tag unter der Woche und der Himmel wolkenverhangen ist: Die Bahn ist dem Kuchen gleich gut gefüllt. Zwei Rentnerinnen mit Kinderwagen (der sich als zwei Terrier beherbergender Hundewagen herausstellt); eine Rotsockenfamilie mit hibbelig herumhüpfenden Knirpsen und schon mittags erschöpft dreinblickenden Elternteilen, die wirken, als hätten sie bereits eine schwere Bergwanderung hinter sich; wie Gladiatoren mit Protektoren voll ausgerüstete E-Mountainbiker mit unter ihren Rüstungen sich spannenden Bäuchen, die darauf schliessen lassen, dass dort schon der eine oder andere Monte-Generoso-Cake seine Endstation erreicht hat. Stellte man sich die Passagiere der Bahn als das Personal eines Stückes von, sagen wir, Dürrenmatt vor, es verspräche vergnügliche Minuten im Theatersaal.

Oben angekommen bläst der Wind. Schnell zerstreuen sich die Passagiere, gehen oder fahren ihres Weges. Das Bergrestaurant mit dem konkret blumigen Namen Fiore di pietra von Architekt Mario Botta bietet Schutz – und führt selbstverständlich auch den nach dem Berg benannten Kuchen im Programm, wenn auch bloss in einer Miniversion.

Der Monte Generoso mag durch die Bahn touristisch domestiziert sein, inklusive Souvenirladen und Kinderspielplatz. Doch man braucht nur ein paar Schritte zu tun, schon blickt man in einiger Einsamkeit steil hinunter auf ein grünes, wildes, unzähmbares Tessin und das angrenzende Italien, den See, die Wälder, eine Landschaft, die verheissungsvoller und betörender ist als jedes Lächeln von Boccalinfluencerin Christa Rigozzi oder Schlagersänger Vico Torriani («In einer kleinen Konditorei»**). Das Tessin: Von hier oben betrachtet ist es wirklich wunderschön.

*E 100; E 131; E 401; E 406; E 450; E 471; E 472b; E 472c; E 475

**«In einer kleinen Konditorei, da sassen wir zwei/Bei Kuchen und Tee/Du sprachst kein Wort, kein einziges Wort und wusstest sofort/Dass ich dich versteh.» Unklar aber ist, um welchen Kuchen es sich im Liedtext von Vico Torrianis Hit aus dem Jahre 1956 handelt.

Fahrzeit ab Capolago-Riva S. Vitale: 40 Minuten; Fahrpreis ohne Halbtax retour: 68 Franken