• Juni 2021

ICH WAR NOCH NIEMALS auf dem Monte Generoso, TI

Im Zug in den Süden las ich in den Tagebüchern des 2015 verstorbenen Literaturkritikers Fritz J. Raddatz, welche er noch zu Lebzeiten veröffentlichte; und da stolperte ich über Adolf Muschg, ein erstes Mal auf Seite 13, Unglückszahl, und mir kam in den Sinn, dass Muschg ja eben nach der Fernsehsendung «Sternstunde Philosophie» in einen argen Shitstorm geriet, da er die Cancel-Culture mit Auschwitz verglich. Die Empörung darob war und ist noch immer gross, Muschg aber entschuldigte sich nicht.

Das Sensationelle an diesem Skandal ist aber auch, dass überhaupt jemand Muschg in «Sternstunde Philosophie» mitbekommen hat. Die Einschaltquote dieser Sendung ist in etwa so hoch wie die Einwohnerdichte im Verzascatal, zudem gibt es auch noch die Dunkelziffer der Einschlafquote. Ich muss gestehen: Von Muschg habe ich noch niemals ein Buch gelesen. Und als ich unlängst in einem Anflug von Wissenslückenschliesssehnsucht in der Bahnhofsbuchhandlung danach verlangte, stand kein Muschg, wo er hätte stehen sollen, zwischen den vielen Bänden von Murakami und dem dicken Musil.

Nun, Raddatz also wird im Jahre 1982 bei Muschg zum Abendessen eingeladen, «in seinem ganz und gar grässlichen, kleinstbürgerlichen Hause – Madame kredenzte mit einer Küchenschürze uns etwas Unbeschreibliches, was sie sehr lobte, dazu gab es süssen Wein, der dafür schön warm und wenig war.» Raddatz flüchtete früh zurück ins Hotel.

Fasziniert las ich weiter. Tagebücher sind mitunter brutale Dokumente. Erhellend. Erschreckend. Und vor allem halt wohl: Gnadenlos ehrlich. Wie lautet doch der Titel eines Raddatz-Buches? «Schreiben heisst, sein Herz waschen.» In seinen Tagebüchern setzt er dabei nicht nur Feinwaschmittel ein. Also: Die Wege von Raddatz und Muschg kreuzen sich immer wieder, er trifft ihn etwa an einer Lesung in Schiltigheim bei Strassburg – und regt sich auf: «Er las und las und las UND diskutierte in seiner ‹zu kleinen› Eitelkeit vor 12 Leuten derart endlos, war auch durch Gähnen nicht zu bremsen, dass ich 3 x im Restaurant anrief, den Tisch konfirmieren, verlängern, neu erbitten musste; als wir schliesslich anlangten, war die Küche zu, das Essen kalt, der Wein warm – – – gute Gelegenheit für Muschg, weiterzureden, ohn’ Unterlass (…); Muschg sprach NUR von sich, von seinem kleinen privaten Scheisskram, der neuen Japanerin, mit der er lebt, deren Kindern. Was geht mich das an? Ich esse doch nicht mit einem Schriftsteller, um über Windeln und Einbauschränke zu reden. Aber über Arbeit, nicht mal SEINE, geschweige denn meine: sprach er nicht. Zeitungen liest er nicht. Schreibt an diesem 1800 Seiten arg geschmückten Parzivalroman mit Rüstungen, Flackerkerzen und scheppernden Schwertern; offenbar ein falscher Eco.»

Vier Jahre später sitzt Raddatz in einem Zug, auf der Rückreise eines Gesprächs mit Adolf Muschg, eine Begegnung, an die er sich erinnert, wenn auch für den hiesigen Schriftsteller auf wenig schmeichelhafte Art. Raddatz nennt Muschg «bräsig-selbstzufrieden» und wundert sich über dessen Vornamen: «Wie kann jemand 1933 seinen Sohn Adolf nennen? Wieso hat er nicht einen anderen Namen angenommen?» Das Gespräch mit Muschg verlief «nett, routiniert, flach: wie seine Literatur. Sie ist ohne Fehl und Tadel, ordentlich gebaute Sätze schmoren auf der Flamme einer kleinen Phantasie; nie und nirgendwo wird die Sphäre des ‹ganz brav› durchstossen: mit einem Wort: gefällig. Gehobene Unterhaltungsliteratur für das gebildete Publikum.»

Ich hatte genug über Adolf Muschg erfahren, um keinerlei Bedürfnis zu entwickeln, je ein Buch von ihm lesen zu wollen. Da quietschten schon die Bremsen des Zuges, wir fuhren in Campolago-Riva S.Vitale ein. Ich stieg aus dem Zug. Es wartete vor dem Empfangsgebäude des Bahnhofs bereits die orange und blau gestrichene Schmalspur-Zahnradbahn, die mich auf den Monte Generoso bringen würde, den Berg, der bis dahin für mich immer bloss ein Kuchen war; Abfahrt in zwölf Minuten.

Fortsetzung folgt…