ICH LASS MICH EINFRIEREN
Kürzlich lieh ich mir den Audi A6 eines Kollegen, und ich muss sagen: Das Ding fährt sich wunderbar, geschmeidig die Lenkung, das Gaspedal so direkt, als wäre die Käseflosse geradewegs mit der kultiviert säuselnden Maschine im Bug verschmolzen. Verglichen damit fühlt sich mein Volvo V70 an wie ein Traktor – was für mich als gebürtiger Bauernbub aber auch einen gewissen Appeal besitzt. An die Automarke Audi denke ich immer wieder, denn als Kontinuum-Konsument von TV-Live-Sport komme ich nicht umhin, dann und wann Werbespots zu sehen.
Werbespots stehen in einem krassen Gegensatz zum TV-Live-Sport, der davon lebt, dass das Narrativ unbekannt ist, ständig etwas Neues geschieht. TV-Spots hingegen sind Wiedergänger. Stets wird einem dieselbe Botschaft eingehämmert, bis diese im Gehirn vernarbt und man sie zu glauben beginnt. So ist manchmal der letzte Gedanke, bevor ich einschlafe der Slogan einer Werbung für ein medizinisches Gerät gegen Altersbeschwerden namens «Revitive», welches zielgruppenoptimiert massiv auf «Eurosport» beworben wird («…ah, ich sehe, Du verwendest Revitive…»). Und wenn ich am Morgen aufwache, ist der Satz schon wieder (oder noch immer) in meinem Kopf. Erst gestern wollte ich am Frühstückstisch meine Frau fragen, ob sie mir den Honig reichen könne, stattdessen sagte ich: «Ah, ich sehe, Du verwendest Revitive!»
Die TV-Werbung von und für Audi ist speziell, denn sie bewirbt kein aktuell erhältliches Modell, das an die Frau oder den Mann gebracht werden soll, sondern beschwört anhand von futuristisch anmutenden «Concept Cars» die Zukunft und in ihr liegende Möglichkeiten. Grundsätzlich finde ich es super, wenn jemand noch an so etwas wie die Zukunft glaubt, allerdings ist die von Audi gezeichnete Version des vielleicht Kommenden für meinen Geschmack doch etwas zu clean und voller unheimlich grinsender Menschen, die aussehen, als hätten sie sich zum Frühstück Valium aufs Brot geschmiert. Es scheint mehr Dystopie denn Utopie.
Vor allem aber verstehe ich nicht, was mir da erzählt wird von einer passiv-euphorischen Männerstimme: «Ein Raum, der die Sinne weckt. Erschaffen durch Kreativität und Innovation. Immersiv und voller Möglichkeiten, sich zu vernetzen. Die neue Dimension der Inspiration. Das begeisternde Zusammenspiel aus Erlebnis und Design. Automatisiert und digital gesteuert von einem nachhaltigen Ökosystem. Eine neue Ära der High-Class-Mobilität.»
Vor allem die Passagen mit dem digital gesteuerten und nachhaltigen Ökosystem verstehe ich auch nach dem hundertsten Mal nicht. Ich hab Stunden drüber nachgedacht, zwischen den Werbespots, als sich die Rennvelofahrer live über die Alpenpässe quälten, und ich ahnte, dass in diesem Fall kein Ökosystem wie ein Korallenriff vor Neuguinea mit herzigen Clownfischen oder das im Primarschulunterricht besuchte Biotop mit den eklig fetten Gelbrandkäfern gemeint ist, sondern wohl eher ein soziotechnisches System, also ein Mensch-Maschinen-Mischmasch à la Marshall McLuhan.
Dies allerdings macht die Sache auch nicht besser – und es ist nicht so, dass ich die Werbung von Audi sehe und denke: «Geil, ich lass mich einfrieren und in hundert Jahren auftauen, damit ich dann das Auto kaufen kann, das es heute noch nicht gibt.» Aber wer weiss, was morgen sein wird. Vielleicht tut die Werbung ihre Wirkung, ohne dass ich es weiss. Vielleicht bin ich schon Teil des erweiterten Audi-Ökosystems. Und sowieso: Ein bisschen Kryonik wäre angesichts der brütenden Hitze eh keine schlechte Idee.