• März 2023

ICH HABE MICH VERIRRT – ZUM GLÜCK

Eine der schöneren Erfahrungen im kleinen Stil und bestens integrierbar in den Alltag (zudem oftmals gratis): Fehler machen. Zum Beispiel sich verirren. Heute etwa stieg ich frühmorgens auf dem Weg ins Büro in den falschen Bus, merkte es jedoch erst, als ich meinen mit einer Partie Schach (gegen Grossmeister «Chippy 700») beschäftigten Kopf vom Handy hob und aus den sanft zitternden Fenstern des Busses blickte: Die Gegend war mir gänzlich unvertraut. Reflexartig drückte ich den Halteknopf, eilig stieg ich an der nächsten Station aus.

Sie hiess Sackzelg. Schon nur dieser Name! Sackzelg. Später machte ich mich schlau: Eine «Zelg» sei ein eingezäuntes Landstück der Dreifelderwirtschaft (Winterfrucht, Sommergetreide, Brachland) – und «Sack» bezeichne die Form dieses Landstücks, welches zwischen zwei Wasserläufen eingebettet ist. Manchmal sind Erklärungen freudlos ernüchternd – doch in jenem Moment war Sackzelg einfach ein geheimnisvoller Name, den man sich auf der Zunge zergehen lassen konnte wie eine vegane Foie-gras-Praline. Kurz überlegte ich, auf der gegenüberliegenden Strassenseite den Bus zurück zum Ausgangspunkt des Fehlers zu nehmen. Doch dies schien mir zu einfach. Es wäre um einiges lehrreicher, den Irrweg zu Fuss zu korrigieren. Und so ging ich los, weg von der grossen Strasse, quer durch das Quartier.

Ich begegnete zankenden Raben, die ich grüsste und ermahnte, doch bitte nett zueinander zu sein, sah eine hastig schleichende Katze mit einer Maus zwischen den Zähnen hinter einem Haus verschwinden, ging vorbei an Bäckereien, Autowerkstätten und Coiffeursalons mit interessanten Namen («Fantasy», «4 Haareszeiten»). Nichts Spektakuläres, was sich mir da bot, bloss der Alltag, die Sensation des Gewöhnlichen. Irgendwann kam ich an einen Platz, der mir bekannt vorkam. Es ist ein grosser Platz, um dessen Halteinsel für Trams die Verkehrsströme sich wälzen, aus verschiedenen Richtungen aufeinandertreffen, Autos und Omnibusse und Trams und Velofahrerinnen und kreuzende Fussgänger. Ich ging in ein Café am Platz, in dem ich schon Ewigkeiten nicht mehr gewesen war, bestellte ein Eiersandwich – obwohl ich wusste, dass diesem wegen seines instabilen Inneren selbst mit Werkzeug nur schwer beizukommen war, vor allem in der Öffentlichkeit –, dazu einen Café crème.

Mit dieser Wahl war ich eher eine Ausnahme, die anderen tranken Bier. Einer hatte einen kleinen, weissen Elektroofen auf Rädchen bei sich. Er stand neben dem Stuhl des Mannes, als sei der Ofen sein treuer Hund. Der Mann hatte das Heizgerät wohl auf der Strasse gefunden und wollte es nach Hause bringen, verständlich, in diesen kalten Zeiten. Er nahm einen kleinen Schluck Bier und studierte die Zeitung. Es gab sie also doch noch, die Zeitungsleser!

Ein anderer blickte auf den Platz hinaus, beobachtete das dortige Treiben, als sässe er in der VIP-Lounge des nahen Fussballstadions, kommentierte das Geschehen fachmännisch, rief «hei!», als zwei Autos ums Haar zusammenstiessen. Er klang dabei etwas enttäuscht, als hätte der Stürmer seiner Mannschaft am Tor vorbeigeschossen, doch er musste nicht lange warten, bis draussen wieder gehupt wurde. «Hei!» Er hob sein Bierglas und prostete den Protagonisten auf dem Platz zu, als wolle er sich für die gute Unterhaltung bedanken.

Ich bezahlte den Kaffee und das Sandwich mit gehacktem Ei, welches ich, ohne gröbere Sauerei zu verursachen, verspeist hatte. Es war neun Uhr morgens. Der Tag hatte mit einem Fehler begonnen. Das war genau richtig.