• Juni 2022

HUMMERSNOT

Die Nachricht ging am 24. Mai um 8 Uhr 51 online. Ein Dienstag, und auf den Tag präzis drei Monate nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine. Doch bei der Nachricht ging es nicht um den brutalen Angriffskrieg mit seinen dramatischen und weitreichenden Folgen, sondern um eines dieser wie Pilze aus dem Boden schiessenden Temporär-Restaurants, die man Neudeutsch «Pop-ups» nennt. Die Nachricht des Gastroportals Gault&Millau-Channel trug denn auch einen unverfänglichen Titel und begann heiter: «Dolder: Willkommen in Heikos ‹Lobster Club›!» Es ging um ein Pop-up-Restaurant im Luxushotel The Dolder Grand auf dem Zürichberg, in dem man sich ganz und gar dem Hummer widmet. Auf der Menükarte finden sich Gerichte wie «Hummer – Currywurst», es gibt Hummer mit Kaviar («Kaliber ‹Gros grain›», wie G&M präzisiert), Hummer mit Spargel, Hummer mit Chorizo – oder den als «Imperator» angekündigten ganzen Hummer für 178 Franken (inkl. «Salat, French-Dressing und Fries»).

Doch dann bekam die Nachricht schlagartig einen dramatischen Klang. «Hummer-Alarm», hiess es im Zwischentitel! Alarm übrigens ist ja ein Wort, welches – je nach Quelle – aus dem wunderbaren Italienisch oder dem schrecklichen Französisch stammt. Die Italo-Version: Alarm geht auf den militärischen Weckruf «All’arme!» zurück, also «Zu den Waffen!». Dort hat auch das Wort «Lärm» seine Wurzeln. Doch zurück zum Hummer. Das besagte Pop-up-Restaurant erfreute sich stante pede grosser Beliebtheit, es gab einen «Ansturm», man wurde «überrumpelt», sodass das Grundnahrungsmittel Hummer bald knapp wurde. «Culinary Director» Heiko Nieder sagte: «Am Samstagabend waren wir ausgebombt. Ich musste gegen Mitternacht Giulio Bianchi bitten, für uns Nachschub zu besorgen.» Nun, der Nachschub klappte, auf die Logistiktruppe des Fischhändlers war verlass, alle Hungernden auf dem Zürichberg konnten in der Folge versorgt werden. Es entstand keine Hummersnot.

Dass ein Koch im Eifer des Gefechts den seltsamen Begriff «ausgebombt» verwendet, ist das eine. Dass aber weder der rapportierende Journalist noch irgendjemand bei Gault&Millau auf die Idee kam, dass man diese Wendung derzeit in den falschen Hals bekommen könnte, ist befremdlich. Angesichts des so präsenten Krieges in der Ukraine ist eine gewisse sprachliche Sensibilität gefordert. Doch alle, die mit Worten ihr Geld verdienen, haben derzeit zu kämpfen… oder besser gesagt: ihre liebe Mühe, das Martialische zu meiden. Selbst die Alltagssprache ist mit Begriffen mit kriegerischem Hintergrund gut bestückt, nicht nur im Gastrobereich, wo in den Küchen «Brigaden» wirken und eine Kochsendung des Senders ZDF seit dem Jahr 2008 «Die Küchenschlacht» heisst. Die Sprache ist ein wahres Minenfeld… also: ein diffiziles Terrain. Auch Sportmoderator:innen tun sich schwer, denn deren Wortschatz gleicht einer Waffenkammer: Eine «Granate» von einem Schuss! Im Ausland spielende Fussballer sind «Söldner». Die Mannschaft ist eine «Truppe». Ein Spiel gerät gerne mal zur «Abwehrschlacht». «Zweikämpfe» gibts sowieso en masse. Auf der Tribüne jubeln die «Schlachtenbummler». Und beim Velorennen wird eine «Attacke» nach der anderen geritten – und bestimmt hat jemand auch bereits sein «Pulver verschossen».

Den Lobster Club im Dolder wird es noch bis Ende Juli geben. Doch auch danach wird das Hotelrestaurant krustentiertechnisch nicht komplett ausgebombt sein. Für eine sichere Nachschublinie ist gesorgt; vielleicht wird der Weizen knapp, irgendwo, an Hummer aber wird bestimmt kein Mangel herrschen.