• Januar 2022

HITLER IM BAD

Ich hatte einen Traum. Darin sah ich mich in einem Wald. Ich ging durch das Gehölz, kam aber kaum voran. Der Boden war knietief mit harschigem Schnee bedeckt. Dann zoomte die Traumkamera weg, ich wurde immer kleiner… Und dann sah ich: Es war gar kein Wald, durch den ich mich da mühte. Ich ging als lausgrosse Version meiner selbst über meine eigene Kopfhaut. Die Bäume waren keine Bäume, sondern meine Haare. Und der Schnee war kein Schnee.

Kopfhautschuppen begleiten mich seit meiner Kindheit. Waren sie damals noch irgendwie lustig, weil man ad hoc Frau-Holle-Special-Effects zaubern konnte, wurden sie spätestens in der Pubertät zu einer Belastung, vor allem angesichts der für junge Menschen ohnehin nicht gerade einfachen Neuproblematik der Partnerfindung. Eine Weile trug ich deswegen keine schwarze Oberbekleidung, was für einen Anhänger der Band «The Cure» ein weiteres Problem darstellte.

Doch irgendwann kamen Anti-Schuppen-Shampoos in mein Leben, wobei ja schon allein das Wort Shampoo passenderweise schambeladen ist. Ich entschied mich für ein renommiertes Produkt mit einem Namen, der wie eine üppige Vorspeise in einem Kannibalen-Restaurant klingt: Head & Shoulders. Die Schuppenproblematik bekam ich damit einigermassen in den Griff. Zeitweilen wechselte ich zu anderen Produkten, etwa einem Birkensaft-Shampoo, doch die Birke war mir immer schon suspekt. Und ein Elixier mit Teer musste ich nach Beschwerden von Familienmitgliedern absetzen, der höllisch strenge Geruch der Haare dominierte jeden Raclette-Abend. So kam ich als ewig Suchender zurück zu Head & Shoulders, sicher auch getrieben von Werbung, denn der Pflegemittelkonzern spannte grosse Namen als Schuppfluencer vor den Karren, etwa Spieler des FC Bayern München. Im Pressetext dazu hiess es munter: «Head & Shoulders und der FC Bayern München möchten Menschen dazu inspirieren, sich von Beurteilungen zu lösen und ein Leben voller Selbstvertrauen zu führen.» Wer besässe nicht gerne das Selbstvertrauen eines Robert Lewandowski, oder wenigstens ein Haarbreit davon?

Doch eines Tages wurde alles anders. Eben noch stand ich singend und mit Schaumkrone unter der Duschbrause, bis mein Blick auf die Shampoo-Flasche auf dem Badewannenrand fiel. Ich sah, was mir bis dahin nie aufgefallen war. Die Flasche hat eine asymmetrischgeschwungene Kappe. Dieser Schwung erinnerte mich an etwas. Aber an was? Ich dachte nach und dachte nach. Bis es mir wie Schuppen von den Augen fiel: Adolf Hitler! Der dunkle Deckel der Shampoo-Pulle erinnerte mich an den Diktator. Genauer an dessen Frisur, diesen charakteristisch strammen Seitenscheitel. Ich entfernte das Ding subito aus meinem Badezimmer. In Ermangelung eines Shampoos wusch ich fortan meine Haare nur noch mit Wasser. Zuerst dachte ich, es käme übel, doch es geschah ein Wunder. Meine Kopfhaut wandelte sich von der knusprig krustig gebackenen Pizza zur kuscheligen Picknickdecke. Auch meine Haare fühlten sich bald besser an. Auf Styling-Gel kann ich seither verzichten, der wird in Form von Talg aus körpereigener Produktion geliefert, was kostengünstig und ökologisch ist! Es ist so wie bei einem selbstreinigenden Backofen, einfach ein bisschen anders.

Nun werde ich den Versuch ausweiten und in den nächsten Monaten komplett auf Körperpflegeprodukte verzichten. So könnte ich noch mehr Geld sparen und die Umwelt zusätzlich schonen. Unklar allerdings, ob meine Umwelt da mitmachen wird. Wir werden sehen – oder riechen.