HINTEN E UND VORNE M
Den Wecker auf dem Nachttisch hatte ich eben per Handkantenschlag zum Schweigen gebracht, es war sechs Uhr in der Früh, und ich war bestens gelaunt. Mit einem Grinsen sprang ich aus dem Bett, denn ich freute mich irrsinnig auf den Tag. Bloss wusste ich nicht, weshalb ich mich freute. Es wollte mir nicht in den Sinn kommen. Auch als ich trunken vom Schlaf in der Küche die Kaffeemaschine aus ihrer Ruheschicht holte, war mir unklar, woher dieses beinahe vorweihnachtliche Gefühl der Vorfreude kam. Erwartete ich ein avisiertes Kurierpaket aus dem Ausland? Nicht, dass ich wüsste. Gab es doch noch eine ungesehene «Ozark»-Folge? Nein, Netflix hatte ich ja eben gekündet. Aus welchem Grund also produzierte mein Schädel Glückshormone auf Vorschuss? Dann fiel es mir ein, die Freude traf mich wie ein Blitz: «Wordle»! Schnell griff ich nach meinem Handy.
Seit mich ein Freund – dessen Vorname wohl nicht per Zufall aus fünf Buchstaben besteht – vor ein paar Wochen auf «Wordle» aufmerksam gemacht hatte, ist «Wordle» zu einem festen Bestandteil meiner Morgenroutine geworden. Ich gehe davon aus, dass unsere Gesellschaft von diesem Onlinespiel durchseucht ist, trotzdem für die Minderheit, die bis anhin von diesem Virus keine Kenntnis nahm: Es ist ein Mix aus Mastermind und Scrabble, man hat sechs Versuche, um ein gesuchtes Wort mit fünf Buchstaben zu finden. Das benötigt ein gewisses Mass an Kombinationsgeist und einen rudimentären Wortschatz, auf den man am besten logischen und intuitiven Zugriff besitzt. Und das Allerbeste: Es gibt pro Tag nur eine einzige Aufgabe, die man lösen kann. Hat man also das Wort herausgefunden (oder ist man gescheitert, was anhaltende Auswirkungen auf Selbstwertgefühl und Grundstimmung bis weit hinter die Mittagspause zur Folge haben kann), darf man seinen Blick vom Handy lösen und sich wieder dem Leben oder der Arbeit widmen. Die Zeitverschwendung liegt meist im einstelligen Minutenbereich, ist also vernachlässigbar und nicht vergleichbar mit anderen digitalen Plagen wie Instagram oder Twitter.
War ich anfangs damit zufrieden, die Aufgabe schnell und zu meiner eigenen Zufriedenheit gelöst zu haben, gesellte sich zum Gefühl der Zufriedenheit bald auch eine gewisse Ratlosigkeit, welche man auch im Blick von Hunden finden kann, nachdem sie den vom Herrchen oder Frauchen geworfenen Stecken erfolgreich apportiert haben. Man wartet auf einen neuen Steckenwurf. Was ja auch nur logisch ist: Weshalb etwas bloss einmal machen, wenn man es zweimal machen kann? Oder noch öfter?
Natürlich kam ich schnell dahinter, dass es mehr als bloss eine Möglichkeit gibt, «Wordle» auf Deutsch zu spielen, es existieren diverse Plattformen, etwa wordle-deutsch.ch oder wordle-spielen.de und auch noch wordle.at. Doch bald genügten mir auch diese drei seriell hintereinander verballerten Denksportaufgaben nicht mehr, denn so ist es eben mit der Sucht: Es wird höher und höher dosiert. Das Gefühl der Leere war alsbald derart, dass ich mich an fremdsprachigen Versionen versuchte, in meiner Verzweiflung sogar an der französischen (wo «Wordle» naturellement nicht «Wordle» heisst, sondern «LeMOT»). Doch ich scheiterte sang- und klanglos. Hätte ich damals im Sprachlabor bei Monsieur Froidevaux doch einfach besser aufgepasst! Und so dachte ich an ein Wort mit fünf Buchstaben, welches mit M beginnt und mit E endet. Die drei Lettern dazwischen waren schnell gefunden.